Wer von uns wäre nicht gerne schön und erfolgreich? Menschen, bei denen scheinbar alles gelingt was sie anpacken, sind wirklich zu beneiden. Zumal, wenn sie noch von ihren Mitmenschen als attraktiv eingestuft werden. Und ersteres resultiert – glaubt man den entsprechenden Forschungen – aus dem zweiten: Die küchenpsychologische Binsenweisheit lautet „Schöne Menschen sind erfolgreicher“. Aber Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters (womit der damit korrelierende Erfolg dann doch wieder zur Diskussion stünde) – das gute Aussehen kann auch vom Segen zum Fluch werden. Das musste laut Bibel (1. Mose, 39) auch Josef bitter am eigenen Leib erfahren.

Josef wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Weil er der jüngste war, wurde er von seinem Vater Jakob bevorzugt behandelt – sehr zum Missfallen seiner Brüder. Schon im Teenageralter fühlte Josef sich zu Höherem berufen und ließ das seine Brüder auch spüren. Frustiert von Josefs Hochmut verkauften sie ihren Bruder eines Tages kurzerhand an eine Karawane, die gerade nach Ägypten unterwegs war. Dort angekommen, wurde der arme Josef von Potifar, einem Hofbeamten des Pharao, gekauft. Potifar fand Josef sympathisch und bestellte ihn zum Verwalter seines Hauses. Wie sich bald schon herausstellte, mochte auch die Frau des Potifar Josef sehr gerne… Nachdem sie einen ersten Blick auf den attraktiven jungen Mann geworfen hatte, schwärmte sie für ihn und lauerte auf eine Gelegenheit, einmal mit ihrem Angebeteten alleine zu sein. Josef merkte, dass die Frau seines Chefs hinter ihm her war – fühlte sich zwar geschmeichelt, wollte aber seinen einflussreichen Posten als Vertrauter des Hofbeamten nicht verlieren und verweigerte sich beharrlich ihren Annäherungsversuchen. Als eines Tages weder Mann noch Diener zuhause waren, sah Potifars Frau ihre Chance gekommen, rief Josef zu sich, packte ihn beim Kragen und wollte ihn ohne Umschweife zu sich ins Bett ziehen. Nach seiner ersten Überraschung über eine derart leidenschaftliche Liebesbekundung wand Josef sich los und rannte davon, musste aber einen Teil seines Gewandes dem eisernen Griff seiner Verehrerin überlassen. Kaum waren Mann und Diener wieder zuhause, fing die über diese Zurückweisung Erboste an zu schimpfen: Josef, der von Potifar so bedenkenlos eingestellt worden sei, habe ihr, der Frau seines Herrn, an die Wäsche gehen wollen! Als sie geschrien habe, sei er weggelaufen, habe aber einen Teil seiner Kleidung bei ihr vergessen! Und überhaupt: Wie konnte Potifar nur so unaufmerksam sein, einem solchen Mann eine Stellung zu verschaffen?! … Kurzum: Sie machte ein ziemliches Getöse. Potifar glaubte selbstverständlich seiner Frau. Zornig ließ er  den eigentlich unschuldigen Josef verhaften und ins Gefängnis stecken. Dumm gelaufen für Josef …

Womit noch die Frage im Raum stünde: Was ist dran am Mythos, dass attraktive Menschen es im Leben leichter haben? Darüber streiten sich noch immer die Forscher. Studien, in denen Probanden Fotos von Gesichtern nach ihrer Attraktivität beurteilen sollten, zeigen zwar, dass vor allem die Gesichtssymmetrie zählt. Aber: Als am Schönsten wurden gar nicht die mit perfektem Aussehen gewählt, sondern – Überraschung! – die durchschnittlichen. Es besteht also noch Grund zur Hoffnung…

Abbildung: Francesco Solimena, „Joseph und die Frau des Potifar“. Foto: Fotowerkstatt HAUM

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.