Machen wir uns nichts vor: Im Gegensatz zum Olymp ist die Bibel eine Männerdomäne, Frauen kommen hier selten gut weg. Abraham, Noah, David, Jesus – das sind die Namen der großen Retter, Heilsbringer und Erlöser, wobei der Großteil der  biblischen Damenriege eher dafür bekannt ist, andere ins Verderben zu locken (Eva mit ihrem Apfel) oder aufgrund ihrer frivolen Vergangenheit (Maria Magdalena) ziemlich unbeliebt sind.

Wir freuen uns daher ganz besonders, Ihnen heute in dieser Kategorie eine starke Frau vorstellen zu dürfen: Durch ihren selbstlosen und mutigen Einsatz, den sie mit erotischer Ausstrahlung gekonnt zu verbinden wusste, hat Judith aus Bethulia ihre Heimatstadt retten können. Aber fassen wir die Story der Reihe nach zusammen:

Wir schreiben das 5. Jahrhundert v. Chr.: Der assyrische König Nebukadnezar gab seinem Oberbefehlshaber Holofernes die Order, zahlreiche Städte in Kleinasien und Syrien zu unterwerfen. Die Bewohner des kleinen Städtchens Bethulia zeigten sich jedoch standhaft, weswegen Holofernes kurzerhand die Wasserleitung kappte, um so die Einwohner in die Knie zu zwingen. Das Volk dieser beschaulichen Stadt beschloss daraufhin fünf Tage abzuwarten, um ggf. Hilfe von Gott für ihre äußerst missliche Lage zu erhalten. Das rief die Witwe Judith auf den Plan, die nicht nur gut betucht, sondern praktischerweise auch noch betörend schön war. In göttlicher Ehrfurcht beschloss sie, ihre Heimatstadt zu retten. Doch wie anstellen? Judith entschied sich für die klassische (und bis heute noch gültige Formel): mit Alkohol und weiblichen Reizen. Nach einem umfassenden „Makeover“ marschierte Judith in Begleitung ihrer Magd und mit ein paar Weinkrügen ins feindliche Lager und gelangte problemlos zum Zelt des Heerführers Holofernes, der sich in diesem Augenblick unter seinem edelsteinbesetzten Mückennetz aufhielt (eine Abbildung dieser frühgeschichtlichen Mückenmaßnahme war leider nicht aufzutreiben).
Holofernes, der Judith für eine reumütige Überläuferin hielt, war sofort angetan von ihrer Schönheit und Eloquenz und quartierte sie nur allzu gern in sein Zeltlager ein.
Am vierten Tag beschloss er schließlich, dass nun die Zeit reif für eine gemeinsame Liebesnacht sei. Er hatte die Rechnung jedoch ohne Judith gemacht: Bei einem üppigen Gastmahl machte sie Holofernes mit Wein betrunken, wartete ab bis er schlief, ergriff sein Schwert und schlug mit zwei Hieben seinen Kopf ab. Judiths Befreiungstat war vollbracht und der Kopf wurde zur späteren Beweisführung im Beutel der Magd verstaut (Übrigens fand hier auch das Mückennetz Platz, das sorgfältig von der Halterung montiert wurde. So viel Zeit muss sein!). Die mutige Witwe wurde bei der Rückkehr in die Stadt umjubelt, und da Holofernes Truppen beim blutigen Anblick ihres Feldherrn flüchteten, war Bethulia gerettet.

Die Darstellung der „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ ist bereits seit der Renaissance ein beliebtes Motiv in der Kunst. Auch Peter Paul Rubens beschäftigte sich mit der mutigen Heldin, die ihr eigenes Leben für die Rettung ihres Volkes riskierte, in Szene. Auffällig bei Rubens Interpretation: Die weiblichen Reize springen einem regelrecht ins Auge. Fesselnd ist ebenso Judiths eindringlicher Blick, während sie den abgetrennten Holofernes-Kopf in ihrer linken Hand hält. Laut Bibel waren zwar zwei Schwerthiebe zum Abschlagen des Kopfes nötig, doch mal ehrlich: Diese Arme hier hätten es sicherlich schon beim ersten Mal geschafft. Bei dem um 1616/18 entstandene Gemälde handelt es sich übrigens nicht um eine Auftragsarbeit. Der flämische Meister behielt „Judith“ über Jahre in seinem Atelier und veränderte das Gemälde in mehrfachen Überarbeitungsphasen.

 Abbildung: Peter Paul Rubens, Judith mit dem Haupt des Holofernes, um 1616/18, Fotowerkstatt HAUM

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