„Test und Tipps: Ihre Schwiegermutter – wie stehen Sie zu ihr?“ (Brigitte), „Die Schwiegermutter: Warum liebt sie mich nicht?“ (FAZ) oder der Ratgeber „Evolution: Das Rätsel der bösen Schwiegermutter“ (Die Welt) – wenn man das Wort „Schwiegermutter“ googelt, tun sich menschliche Abgründe und familiäre Tragödien auf. Die Geschichten über missgünstige, garstige Schwiegermütter, die dem angeheirateten Ehepartner regelmäßig das Leben zur Hölle machen, sind einfach nicht totzukriegen. Egal ob in Ratgeberforen des Internets, Zeitungsartikeln oder in amerikanischen Komödien wie dem Film „Das Schwiegermonster“, in dem Jane Fonda die gefürchtete Schwiegermama geben darf – die Schwiegermutter hat ein schlechtes Image. Sogar in Songtexten wird schon dringlichst ein besonders großer räumlicher Abstand zu ihr herbeigesehnt. So singen Herman’s Hermits in „Mother-In-Law“: „If she leave us alone/we would be a happy home“.

Aber es geht auch anders, wie man schon im Alten Testament nachlesen kann. Im Buch Rut (Kapitel 1-4) wird die Geschichte einer gleichnamigen jungen Frau erzählt. Rut war gerade Witwe geworden, und auch Schwiegervater und Schwager hatten schon das Zeitliche gesegnet. Neben Rut blieb so auch ihre Schwiegermutter Noomi mittellos zurück. Als Schwiegermutter Noomi sich entschied, von der Region Moab ins judäische Betlehem überzusiedeln, wo sie noch Verwandte hatte, hielt Rut ihr die Treue und begleitete sie, obwohl ihre eigene Verwandtschaft in Moab ansässig war. In Betlehem wandten sich die mittellosen Frauen an Boas, einen entfernten Verwandten. Der zeigte sich hilfsbereit und gestattete den Frauen, sich auf seinem Getreidefeld zu bedienen. In den kommenden Wochen half er ihnen, wo er konnte. Um langfristig ein Auskommen zu haben, hatte die vorausschauende Noomi für ihre Schwiegertochter einen ungewöhnlichen Vorschlag, der sicherlich nicht ins übliche Schwiegermutter-Schema passt: Rut sollte Boas ihre weiblichen Reize schmackhaft machen, und zwar in einem nächtlichen Überraschungsangriff. Rut war nicht abgeneigt, also machte sich die junge Frau hübsch und ging abends zu Boas. Der war gerade mit der Arbeit fertig geworden und eingeschlafen – da schlüpfte Rut mit unter die Decke! Man stelle sich die Überraschung des solcherart aus dem Schlaf Gerissenen vor. Erfreulicherweise mündete das Techtelmechtel in eine Hochzeit – Noomis Hilfe hatte sich ausgezahlt und der Erhalt der Familie war gesichert! Bald wurde Ruts und Boas‘ Sohn Obed geboren – und der wiederum sollte viele Jahre später der Großvater von König David werden.

Wenn Sie also das nächste Mal im Clinch mit ihrer lieben Schwiegermutter liegen, denken Sie doch einfach zurück an unsere biblische Geschichte – wer weiß, vielleicht wird Ihre Schwiegermutter Sie in Zeiten großer Not auch positiv überraschen?

Abbildung: Jost Amman, „Ruth“, Datierung 1559-1591, Radierung aus der Serie „Berühmte Frauen des Alten Testaments“ von Jost Amman, Herzog Anton Ulrich-Museum

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