In den letzten Jahren kam man im Fernsehen einfach nicht drumrum: Castingshows sprossen wie Pilze aus dem Boden – spätestens seit „America’s Next Topmodel“ den Anfang machte, sich die Show als Franchise in Dutzenden Ländern und hierzulande mit „Germany’s Next Top Model“ und Model Heidi Klum als Oberjurorin etablierte, ist das Stolzieren auf dem Laufsteg ein fester Bestandteil des deutschen Fernsehprogramms geworden. Was die Zuschauer aber noch mehr umtreibt, als die Frage, welche Kandidatin in die nächste Runde kommt, sind die Kontroversen zwischen den Nachwuchsmodels, welche fernsehtauglich in allen Details vor der Kamera ausgetragen werden. Das Prinzip des Schönheitswettbewerbs gibt es allerdings schon seit der Antike:

Angefangen hatte alles mit einer ausgebliebenen Hochzeitseinladung. Peleus und Thetis wollten sich glanzvoll das Jawort geben, und alle Götter des Olymp waren eingeladen – nur Eris, die Göttin der Zwietracht, wurde aus verständlichen Gründen außen vor gelassen. Die solcherart Geschmähte machte aus ihrer Verbitterung keinen Hehl und rächte sich auf perfide Weise. Als alle an der Festtafel saßen, ließ Eris heimlich einen vergoldeten Apfel in den Saal hereinrollen. Als man ihn aufhob, sahen die Gäste, dass in die Schale die Worte „Für die Schönste“ geritzt waren. Nun ist Schönheit immer eine Frage der (eigenen) Sichtweise und so wundert es nicht, dass mit Hera, Aphrodite und Athene gleich drei Göttinnen davon überzeugt waren, die goldene Frucht solle allein ihr gehören… Kurzum: Sie fingen lautstark und langanhaltend an, sich um den Apfel zu streiten (daher stammt übrigens der Begriff „Zankapfel“). Zeus ging das Geschreie und Gekeife schon bald auf die Nerven (er hätte lieber in Ruhe die Hochzeitstorte vertilgt, als sich um solche weiblichen Trivialitäten Gedanken zu machen). Um sich aus der Affäre zu ziehen, ließ er unter den Menschen einen unparteiischen Richter suchen. Paris, der verstoßene Sohn des Königs von Troja, wurde für diese undankbare Aufgabe ausgewählt (damit fungierte er sozusagen als männlicher Vorläufer von Heidi Klum). Sofort machten sich die eitlen Damen daran, ihn zu bestechen, damit das Urteil zu ihren Gunsten ausfiele. Athene versprach ihm Weisheit, Hera trumpfte damit auf, ihn zum Herrscher der Welt machen zu wollen, wenn sie zur Schönsten gewählt würde – … aber der junge Mann zeigte sich unbeeindruckt… Erst als Aphrodite ihm Helena, die schönste Frau der Welt, als Ehefrau in Aussicht stellte, war der Schönheitswettbewerb zu Aphrodites Vorteil entschieden. Die beiden anderen Frauen mussten schmollend kleinbeigeben. Ein fataler Urteilsspruch, der im weiteren Verlauf der Ereignisse den Raub der eigentlich schon verheirateten Helena durch Paris zur Folge hatte und daraufhin indirekt die Trojanischen Kriege auslöste….

Ganz so katastrophale Konsequenzen haben moderne Castingshows in der Regel natürlich nicht, aber in punkto Psychoterror und Grabenkämpfe stehen sich antike und heutige Schönheitswettbewerbe sicher in nichts nach. Falls Sie das nächste Mal bei „GNTM“ reinzappen und sehen, wie mit dem Satz „Heute habe ich leider kein Foto für dich“ Modelträume zunichte gemacht werden, wissen Sie jetzt: Alles schon mal dagewesen! Ach – und falls Sie demnächst eine Party geben sollten: Überlegen Sie lieber zweimal, ob Sie auch ja alle eingeladen haben…

Abbildung: „Urteil des Paris“, Léonard Limosin (Umkreis), 16. Jahrhundert, Maleremail in Grisaille; Foto: Fotowerkstatt HAUM

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