Praktische Lebenshilfe mit besten Grüßen vom Olymp bietet dieses wunderschöne Maler-Email aus dem 16. Jahrhundert (Email wie in emailliert, nicht wie die elektronische Post).  Am Beispiel der schönen Königstochter Psyche können wir lernen, was im Umgang mit bellenden, geifernden Vierbeinern zu beachten ist. In der Antike traten sie eher selektiv an Orten wie dem Eingang zur Unterwelt auf, heutzutage trifft man sie auch an harmloseren Stätten, zuweilen sogar am nächsten Straßenbegleitgrün.

Die Geschichte geht so: Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Töchter. Zwei davon waren ganz nett anzusehen, doch die dritte und jüngste namens Psyche war überirdisch schön. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ihre Schönheit übertraf sogar die der Göttin Venus. Suboptimale Ausgangslage im antiken Griechenland. Venus war not amused und befahl ihrem Sohn Amor, dem Gott der Liebe, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Er sollte dafür sorgen, dass die schöne Psyche sich in den hässlichsten Mann der Welt verliebt und ihn heiratet. Doch als Amor Psyche erblickte, war es um ihn geschehen. Er widersetzte sich dem Befehl seiner Mutter und nahm Psyche selbst zur Frau. Versteckt in einem Palast, fehlte es Psyche an nichts – außer Gesellschaft, denn Amor besuchte sie nur nachts im gänzlich abgedunkelten Schlafgemach, weil er seine Identität geheim halten wollte. Angestachelt von ihren missgünstigen Schwestern überlistete Psyche ihren Mann eines Nachts, indem sie im ehelichen Gemach eine Öllampe versteckte (und nebenbei noch ein Messer, weil die Schwestern ihr eingeflüstert hatten, ihr Mann sei eine Schlange, die sie verschlingen wolle). Als Amor schlief, zündete sie die Lampe an – und war so entbrannt in Leidenschaft für ihren schönen göttlichen Ehemann, dass die Lampe in ihren Händen zitterte und sie Amor mit einem Tropfen Öl verbrannte. Der wurde wach, hielt ihr eine Standpauke mit Androhung von Liebesentzug und zog enttäuscht von dannen (das Messer hatte er nicht gesehen, wer weiß, ob es sonst bei einer Standpauke geblieben wäre). Dummerweise hörte Venus von der Verbrennung und erfuhr so, dass Amor ihren Befehl nicht ausgeführt hatte. Ärger im Olymp!

Lim 127, Umkreis des Lèonard Limosin, 2. Hälfte 16. Jahrhundert, Venus erfährt von der Verletzung Amors, Maleremail in Grisaille, Goldmalerei, Höhe 25,3 cm, Breite 20,2 cm

Abb.: Venus nahm laut Apuleius, der die Geschichte von Psyche und Amor erzählt, gerade ein Bad, als sie von Amors Ungehorsam erfuhr

 

Psyche machte sich indes auf die Suche nach ihrem Mann und landete nach einigem Hin und Her bei Venus, die ihr vier eigentlich unlösbare Aufgaben stellte. Die vierte und letzte lautete: Steig hinab in die Unterwelt und füll mir eine Dose mit der Schönheit von Persephone (die spannende Geschichte von Persephone, die übrigens indirekt der Grund für unsere Jahreszeiten Herbst und Winter ist, erzählen wir ein anderes Mal).
Eins der vielen Probleme bei Psyches viertem und letztem Auftrag hieß: Cerberus. Der Höllenhund war am einzigen Zugang zur Unterwelt postiert und schob Wache, damit kein Lebender oder Toter in die falsche Richtung abbog. Ein ernst zu nehmender Job, den er unter anderem mit drei Köpfen, metallischem Gebell und tödlichem Atem ausführte. Und einer Schwäche für Honigkuchen. Was Psyche natürlich schamlos ausnutzte, um an ihm vorbei in die Unterwelt zu kommen und den Auftrag von Venus zu erfüllen.

Damit kommen wir zum Punkt, sprich: Der Lebenshilfe. Wenn Sie das nächste Mal auf ein bellendes und/oder geiferndes Etwas treffen, bewahren Sie Ruhe, denken Sie an Cerberus´sympathischen süßen Zahn und sagen sich: Der tut nichts, der will nur Kuchen. Besagten Kuchen zaubern Sie dann aus Ihrer Tasche, und schon steht vor Ihnen das frommste aller Lämmer, genau wie auf dem oben gezeigten Maler-Email.

Nun ja. So lautet zumindest die Theorie, niedergeschrieben von Apuleius in seinen Metamorphosen (nicht zu verwechseln mit den Metamorphosen von Ovid, die rund 150 Jahre früher entstanden sind). Die gelten zwar als Weltliteratur, aber aufgrund ihrer Komplexität zählen sie zu den Werken, an deren Interpretation sich die klassische Philologie seit Jahrhunderten die Zähne ausbeißt. Wir müssen gestehen: Unsere Kuchen-Interpretation ist brand-neu und steckt noch in der Testphase. Was die Vierbeiner angeht, sind wir recht optimistisch. Wie die neuzeitliche Begleitung des Vierbeiners auf ihren zuckerhaltigen Bestechungsversuch reagieren wird, bereitet uns noch Kopfzerbrechen.
Falls Ihnen Unmut entgegenschlägt, verweisen Sie einfach auf Apuleius als Erfinder der Kuchen-Bestechung. Der ist irgendwann um 170 nach Christus herum gestorben, dem macht das nichts mehr. Falls sich aber ein nettes kleines Pläuschchen entwickelt, verweisen Sie gerne auf uns, zum Beispiel so: Wie ich auf die Idee gekommen bin mit dem Kuchen? Da gibt es so eine wunderschöne Serie von Maler-Emails im Herzog Anton Ulrich-Museum, die die Geschichte von Amor und Psyche erzählen… Und dann erzählen Sie sie einfach, Apuleius´ uralte und trotzdem noch aktuelle Geschichte von Liebe, Neid, Eifersucht und Leid. Ach ja, dazu brauchen Sie noch den Schluss: Happy End mit himmlischen Fanfaren, Amor besinnt sich und kommt Psyche zu Hilfe, Venus überwindet ihre Es-kann-nur eine-geben-Attitüde, Psyche trinkt Ambrosia und wird unsterblich wie Amor, großes Göttermahl, Geburt einer Tochter mit dem Namen „Voluptas“ (Vergnügen) – und wenn sie nicht gestorben sind (was bei Unsterblichen gegeben sein sollte), dann leben sie noch heute …

P.S.: Und wenn mehr werden soll aus dem Flirt am Straßenbegleitgrün, laden Sie doch die oder den Hundehalter/in ein. Zum Beispiel so: Die Maler-Emails aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum sind übrigens fast 450 Jahre alt. Darf ich Ihnen mehr zu dieser faszinierenden Kunstform erzählen, zum Beispiel bei einem Picknick im Park?
Was Maler-Email ist, können Sie sich bis zum Picknick in Ruhe anlesen im Beitrag „How to impress … mit Maler-Email beim Picknick im Park“.

Lim 124, Umkreis des Lèonard Limosin, 2. Hälfte 16. Jahrhundert, Götterfest, Maleremail in Grisaille, Goldmalerei, Höhe 25,4 cm, Breite 20,3 cm

Abb.: Ende gut, alles gut. Göttermahl im Olymp


Credits für alle drei Abbildungen:
Maleremail in Grisaille, Goldmalerei / Umkreis des Léonard Limosin, 2. Hälfte 16. Jahrhundert. Fotos: Fotowerkstatt HAUM

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