Es gibt solche Tage, da geht einfach alles schief: Beim Duschen verbrüht man sich am heißen Wasser, das Frühstücksbrötchen fällt auf die gebutterte Seite, der Bus zur Arbeit fährt einem vor der Nase weg, und wenn man abgehetzt ins Büro und zum ersten Meeting des Tages gehechtet kommt, platzt man garantiert noch in die falsche Besprechung. Pechvögel gibt es aber nicht nur im alltäglichen Leben, sondern auch in der Mythologie, denn ähnlich deplatziert muss sich auch Aktäon in Ovids „Metarmorphosen“ vorgekommen sein, als er unerwartet auf Diana traf. In diesem Fall geht es allerdings nicht um ein unterbrochenes Arbeitstreffen (was höchstens genervte Blicke der Kollegen zu Folge hätte). Aktäon hatte wirklich einen ganz üblen Zeitpunkt erwischt …

Aktäon war ein junger Mann aus der Königsfamilie von Theben, der sich besonders für den Jagdsport begeisterte. Eines Tages war die Jagd sehr erfolgreich für ihn und seine Freunde gelaufen. Die Mittagshitze hielt die Jäger aber von weiteren Aktivitäten unter freier Sonne ab, sodass sich die Jagdgesellschaft langsam auflöste und ihrer Wege ging. Nur Aktäon schlenderte, seine Jagdhunde hinter sich lassend, noch gedankenverloren und ziellos durch den Wald. Währenddessen hatten die hohen Temperaturen auch Diana, der Göttin der Jagd, zu schaffen gemacht, sodass sie Pfeil und Köcher beiseitelegte, um sich beim Bad in einer heiligen Quelle etwas zu erfrischen. Flugs aus den Kleidern und hinein ins kalte Nass! Aber gerade als Diana sich ausgezogen hatte, kam Aktäon ohne Vorwarnung um die Ecke… Was für uns Menschen schon eine sehr peinliche Situation wäre, stellte für Diana ein echtes Problem dar: Was, wenn Aktäon sich später damit brüstete, sie nackt gesehen zu haben und damit ihren Ruf als jungfräuliche, emanzipierte Göttin nachhaltig ramponierte …? Doch Diana wusste sich zu wehren! Mit dem verbitterten Ausruf „Nun sag, wenn du kannst, du habest mich nackt gesehen!“ besprenkelte sie ihn mit dem magischen Quellwasser und verwandelte den verdutzen Störenfried damit in einen Hirsch. In Panik floh Aktäon, der sich trotz seiner Verwandlung noch bei vollem Verstand befand. Aber wohin? Als Hirsch konnte er seinem Vater im Palast wohl schlecht unter die Augen treten. Bedrückt trottete er dahin und wusste sich nicht zu helfen. Da wurden seine Jagdhunde auf ihn aufmerksam… Statt in Aktäon ihr Herrchen zu erkennen, sahen sie nur den Hirsch. Unglücklicherweise weckte das bei den Hunden den Jagdtrieb und die Meute stürzte sich auf ihn. Somit wurde Aktäon von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischt (und Ovid lässt es sich nicht nehmen, fast schon liebevoll die Namen aller 35 daran beteiligten Hunde aufzuzählen, von denen einige so klangvolle Namen tragen wie Aello, Harpyia (!), Labros oder Tigris. Die Überlieferung eines anderen Autors kann sogar mit 81 Hunden auftrumpfen).

Wenn das nicht ein ganz besonders tragischer Fall ist! Sollten Sie das nächste Mal selbst zur falschen Zeit am falschen Ort sein, trösten Sie sich, denn wie die Geschichte von Diana und Aktäon beweist: Andere hat es schon schlimmer getroffen als Sie.

Abbildung: „Diana und Aktäon“ von Jean II Pénicaud, Maleremail in Grisaille auf rechteckiger Tafel, datiert auf Mitte des 16. Jahrhunderts; Foto: Fotowerkstatt HAUM

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2 thoughts on “Best of Olymp: Zur falschen Zeit am falschen Ort. Diana und Aktäon

  1. Chapeau- ihr Blog ist höchst vergnüglich, informativ, lesenswert…
    Wer mag sich wohl hinter all den Musen verbergen? Aber das ist wohl geheim, oder…?
    Bitte noch möglichst viel aus der Rubrik “ Backstage“ – in dieser spannenden Phase der Renovierung besonders wichtig!
    Wir freuen uns auf die Wiedereröffnung!

    1. Vielen Dank für das Lob! Die Musen werden sich offenbaren, sobald das Museum wiedereröffnet ist, und bis dahin noch viele Beiträge beisteuern, natürlich auch mehr und mehr „Backstage“, je weiter die Arbeiten fortschreiten. Olympische Grüße!

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