Es ist Urlaubszeit. Aber Sie suchen nicht wie viele Erholung am Strand, nein, Sie haben eine Bildungsreise gebucht. Rom soll es dieses Jahr sein. Auf Du und Du mit der römischen Antike! Es ist der dritte Tag der Reise, 13 Uhr und dreißig Grad im Schatten. Das Forum Romanum glüht. Ihre Reisegruppe sucht Abkühlung in den Kapitolinischen Museen. Und während Sie so ehrfürchtig die Reihen antiker Skulpturen abschreiten, Philosophen und Kaiserbüsten in Hülle und Fülle, fällt ihnen wieder die junge Frau auf, die stets mit Handy bewaffnet auf der Jagd nach den schönsten Hintergründen für ihre so zahlreichen Selfies ist.

Und endlich (Gott sei Dank!) fällt Ihnen ein, wie Sie ein Gespräch anfangen können, mit dem Sie die Dame umschmeicheln, vielleicht sogar ihr Herz gewinnen können. Sie stellen sich neben sie und legen los:

„Wussten Sie, dass das Phänomen Selfie eigentlich schon uralt ist? Sogar römische Künstler sollen sich laut antiker Schriftquellen selbst porträtiert haben.“

„Tatsächlich?“, wird Ihre Angebetete mit einem Lächeln fragen, „nein, das wusste ich nicht…“

„Doch, doch“, werden Sie beteuern, „besonders ab der Renaissance wurde der Drang der Künstler, Selbstbildnisse anzufertigen immer größer. Dies lag am wachsenden Selbstbewusstsein der Künstler, die sich über ihren Stand als Handwerker hinaus erheben und als Gelehrte angesehen werden wollten. Der Spiegel ermöglichte es den Malern, sich selbst Modell zu sitzen. So konnten sie recht billig Kunstwerke schaffen, Beispiele ihres Könnens, die sie etwa Herrschern offerierten. Eines der ältesten erhaltenen Selbstbildnisse eines neuzeitlichen Malers stammt übrigens von dem venezianischen Maler Giorgione. Er zeigte sich Anfang des 16. Jahrhunderts als der alttestamentarische Held David in Rüstung, vor sich das Haupt des Goliath. Zwar wurde das Bildnis in späteren Zeiten beschnitten, aber der Künstler ist noch gut erkennbar!“

Bewundernd blickt die junge Frau Sie an.

„In der Folge entwickelten die Maler unzählige Möglichkeiten, sich selbst im Bildnis festzuhalten. Gut 150 Jahre nach Giorgione zeigt sich zum Beispiel der deutsche Maler Johann Heinrich Roos 1650 elegant in einen seidenen Hausmantel gekleidet.“

GG 559, Johann Heinrich Roos (1631-1685), Selbstbildnis, 1682, Leinwand, 83 x 60 cm
Johann Heinrich Roos (1631-1685), Selbstbildnis, 1682, Leinwand, 83 x 60 cm

„Wenn Sie ihn sehen könnten! Mit festem, selbstbewusstem Blick fixiert er den Betrachter. Unter der markanten Nase wölbt sich ein prächtiger Schnurrbart bis über die Wangen. Das war eine Type! Der wusste, was er wollte und das zeigte er auch in seinem Selbstbildnis!“

Und nun wird die Schöne fragen, in welchem Museum man diese beiden einzigartigen Selbstbildnisse denn wohl besichtigen könne.

„Tja“, werden Sie mit Herzklopfen sagen, „die zeige ich dir im Herbst auf unserer nächsten Reise, in Braunschweig im Herzog Anton Ulrich-Museum.“

 

Abbildungen:

Giorgione da Castelfranco (1477/78-1510), Selbstbildnis als David, um 1508/10. Foto: Cordes/HAUM

Johann Heinrich Roos (1631-1685), Selbstbildnis, 1682. Foto: Cordes/HAUM

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