Sie sitzen in entspannter Atmosphäre beim sonntäglichen Kuchenschmaus bei den geliebten Schwiegereltern. Ihr Blick schweift während der intellektuell anspruchsvollen Gesprächsrunde im Raum herum. Da trifft ihr Blick ein Foto an der Wand: die Familie ihres Partners beim Sommerurlaub vor vielen vielen Jahren… Aber ihr geschultes Auge erkennt sofort, dass es leider völlig ausgeblichen ist! Der einstmals blaue Himmel, vor dem die Familie so andächtig posierte, ist nun fast völlig weiß, ebenso Schwiegermuttis eigentlich blonde Haare… Die Erinnerung vom Licht zerstört!

Nun schlägt Ihre Stunde!

„Wisst ihr eigentlich, dass Kunstwerke nur bedingt Licht ausgesetzt werden dürfen?“

„Nein“, wird Schwiegermutti sagen, „darüber habe ich noch nie nachgedacht …“

Sie haben nun zwei Möglichkeiten: Erstens Sie sagen „Merkt man“ und ernten die vernichtende hochgezogene Augenbraue und sinken (noch weiter) in Ihrem Ansehen, oder Sie erklären zweitens behutsam, wie man Kunst ins richtige Licht setzt:

„Ja, jedes Kunstwerk verlangt nach einer besonderen Behandlung. Neben einem konstanten Klima braucht es eben auch die richtige Beleuchtung, damit Kunstwerke keine Schäden davontragen. Daher hat der Internationale Museumsrat ICOM (International Council of Museums) mithilfe von Restauratoren Richtlinien für die Beleuchtung von Kunstwerken festgelegt. Grafiken, also Zeichnungen, Kupferstiche oder ähnliches, sowie Kostüme, Möbel und ethnographische Werke sind am lichtempfindlichsten. Ebenso vertragen Lackarbeiten nur wenig Licht und dürfen deshalb, wie die anderen zuvor genannten, nur mit maximal 50 Lux bestrahlt werden.“

Voraussichtlich an dieser Stelle unterbricht Ihr Schwiegervater Ihren Monolog mit der Frage: „Was ist denn Lux?“

Gottseidank können Sie hier mit Ihrer humanistischen Bildung glänzen. „Lux kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Licht. In der Physik bezeichnet man so die Beleuchtungsstärke, vereinfacht gesagt die Helligkeit oder Lichtintensität an einem bestimmten Punkt. Um diese zu messen, benötigt man ein Luxmeter, das den genauen Wert anzeigt.“

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„Intensive Sonneneinstrahlung im Sommer hat zum Beispiel einen Wert von über 100.000 Lux. Natürlich ist nicht jedes Werk so empfindlich, Gemälde sind z.B. etwas einfacher zu handhaben als Graphiken. Sie vertragen um die 150 Lux. Anspruchsloser dagegen sind Emaillearbeiten wie Porzellan oder Glas, aber auch Steinskulpturen.

Kurios ist aber, dass es auch Kunstwerke gibt, die Licht brauchen! So dürfen etwa Elfenbeinarbeiten nicht im Dunkeln stehen, da sie sonst gelb werden und so ihre typische Farbe verlieren.

Licht beschleunigt zudem immer den Alterungsprozess. Ähnlich wie beim Menschen: zu langes Brutzeln in der Sonne und man hat irgendwann eine Haut wie runzeliges Leder (hier erspare man sich besser den Hinweis auf die Schwiegermutti!). Bei Kunstwerken passiert ähnliches, sie bekommen feine Risse. Zudem verändern sich Farben aufgrund ihrer unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung. Einstmals herrlich grüne Landschaften können so zu einem braunen Sumpf mutieren. Manche Farben werden dagegen auch einfach nur blasser. Diese Prozesse geschehen natürlich nicht innerhalb kurzer Zeit. Es sind schleichende Vorgänge, die sich über Jahre hinweg ziehen.“

Nun kommen Sie so richtig in Fahrt und schlagen den Bogen zu Museen:

„Auch im Herzog Anton Ulrich-Museum wurde im Zuge der Neueinrichtung ein neues Lichtkonzept erarbeitet. Jedes Werk will optimal präsentiert werden, aber dennoch soll eine angenehme Atmosphäre für den Besucher geschaffen werden – keine leichte Aufgabe. Dazu braucht es die Zusammenarbeit von Kuratoren, Restauratoren, Lichttechnikern und -planern. Es gilt zusammen mit dem Tageslicht, soweit möglich, ein gutes Ensemble zu bilden und mittels Lichtstrahler die Kunstwerke hervorzuheben, sodass die Werke zum Leben erwachen, Sanddünen holländischer Maler noch realistischer erscheinen, feinste Blütenintarsien auf Schranktüren noch gut zu erkennen sind, Silberarbeiten strahlen und zarte Bleistiftzeichnungen das Können der Künstler offenbaren.“

Nach Ihrer flammenden Rede für den Schutz von Kunstwerken jeder Art, wird Ihr Schweigervater aufstehen, zum Familienbildnis gehen, es diskret von der Wand nehmen und einen neuen Platz suchen, nun wissend um Fluch und Segen von Sonnenlicht.

 

Titelbild: Foto einer Glühlampe, E14-40W klar von Osram, Wikimedia commons, Public domain

 

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