Wir alle kennen das Sprichwort „Früher war alles besser!“ Manchmal ist es Ausdruck von reaktionärem Denken, manchmal Nostalgie und manchmal aber auch wahr!

Viele kleine Dinge, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Gang und Gäbe waren, haben heute nahezu an Bedeutung verloren. So zum Beispiel auch der Sonntagskaffee. Hierfür gab es früher – und heute meist nur noch bei Omi – für diesen Anlass ein ganz besonderes Geschirr: Teures, handgefertigtes Porzellan wurde einmal pro Woche aus der Vitrine entnommen und fein säuberlich aufgedeckt. In die Tassen wurde heißer Kaffee geschenkt und auf die Teller leckerer selbstgemachter Kuchen gedeckt. Um die Tafel saß die ganze Familie versammelt und ließ es sich schmecken. Während man bei Omi sonst oft vieles durfte, was die Eltern einem nicht durchgehen ließen, mussten die Enkel sich am Sonntagstisch besonders gut benehmen. Dazu ermahnte die Großmutter die Kleinen vorab häufig nochmal gesondert, denn das gute Geschirr war immerhin äußerst kostbar und nicht selten steckte das halbe Vermögen der Großeltern darin!

Ab einem gewissen Alter bedurfte es dieser Ermahnung, sich am Tische zu benehmen, dann ja nicht mehr. Wer also mit Stillsitzen seine Omi nicht mehr beeindrucken kann, der kann ihr nun anders imponieren: Mit Fachwissen über die Kaffeekultur!

 

Die Kaffeegesellschaft

Kaffeegesellschaft von Fürstenberg
Die Kaffeegesellschaft, Jean Jacques Desoches für Fürstenberg, 1770, Ausformung von 1829, Höhe: 19,5 cm; Breite: 22,5 cm; Tiefe: 19 cm, handgemaltes Porzellan, Foto ©Fürstenberg

Wenn alle am Tisch sitzen, die Kuchenstücke verteilt sind und Omi, die Lippen gespitzt, den ersten Schluck Kaffee aus dem guten Porzellan nehmen will, setzen Sie an und fragen: „Wisst ihr eigentlich, dass schon die Menschen im 18. Jahrhundert solche Kaffeegesellschaften abgehalten haben?“

Sie wird sich erst nichts dabei denken und den ersten Schluck vom Kaffee nehmen. Unbeirrt fahren Sie fort:
„Im 17. Jahrhundert, als der Kaffee in Europa eine absolute Neuheit war, war er noch ein Getränk, dass sich nur Adel und Reiche leisten konnten. Der Adel machte daraus schnell einen regelrechten Kult: Für den Kaffeegenuss wurden neue Tassen- und Kannenformen aus feinem Porzellan entworfen, das kunstvoll bemalt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde der Kaffee dann auch für die anderen Schichten bezahlbar und setzte sich schnell in ganz Europa durch.“

Da Ihre Omi und alle anderen am Tisch derartige Ausführungen von Ihnen nicht gewohnt sind, haben Sie jetzt vermutlich die (leicht erstaunte) gesamte Aufmerksamkeit. Es wird Zeit, zum eigentlichen Gegenstand Ihres Interesses vorzudringen: „Im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig steht eine Figurengruppe, die  aus hochwertigem Fürstenberg-Porzellan hergestellt wurde und eine stilisierte Kaffeegesellschaft des 18. Jahrhunderts zeigt. Diese veranschaulicht, dass der Kaffeegenuss auch damals bereits ein „Event“ für die ganze Familie war.“

Mit Fachwissen glänzen

Nun können Sie Ihre Omi und die ganze Familie mit detailliertem Fachwissen final vom Hocker hauen: „Die „Kaffeegesellschaft“ von Fürstenberg wurde nur 50 mal hergestellt, weshalb jedes Exemplar sehr wertvoll ist.  Gezeigt wird eine acht-köpfige Figurengruppe: Ein Mann, vier Kinder, drei Frauen und ein kleiner Hund. Das Werk wurde von dem französischen Porzellan-Modelleur Jean Jacques Desoches entworfen. Es zählt als sein bedeutendstes Werk und als das bedeutendste von Fürstenberg aus dieser Zeit. Erstaunlich dabei ist, dass zwei der Kinder barfuß dargestellt werden. Damals wurden Menschen der unteren Stände häufig barfuß dargestellt, weshalb die beiden Kinder oft als nicht zum Adel gehörig interpretiert wurden. Ein genauerer Blick auf die Kleidung der beiden, im Besonderen die des Jungen, zeigt jedoch, dass diese Interpretation falsch ist! Denn die knielange Bundhose, die der Junge trägt, war dem Adel vorbehalten, weshalb der Junge keinem anderen Stand angehören kann. Vielmehr wird mit der Darstellung der adeligen Kinder ohne Schuhe eine Nähe zu Rousseaus Erziehungslehre ausgedrückt, in der er sagt, dass die Kindheit nicht als ein bloßes Durchgangsstadium zum Erwachsensein gesehen werden soll. Vielmehr soll sie als eigene und vollwertige Lebensphase angesehen werden, in der sich die Kinder entsprechend auch als Kinder ausleben können sollen.“

Kaffeegesellschaft von Fürstenberg, Ansicht von oben
Kaffeegesellschaft von Fürstenberg, Ansicht von oben

 

Die „Kaffeegesellschaft“ im Herzog Anton Ulrich-Museum

Für den nächsten Sonntag können Sie dann gleich mit der Familie den Besuch im Herzog Anton Ulrich-Museum planen, wo Sie die Kaffeegesellschaft im 2. Obergeschoss finden. Dort können Sie dann erneut mit Fachwissen glänzen, wenn Sie erzählen, dass die Figurengruppe aus insgesamt 120 Einzelteilen in filigraner Handarbeit zusammengesetzt und per Hand bemalt wurde. Der Modelleur und die Porzellanmaler hatten dabei ein besonderes Auge für Details, wie etwa für die einzelnen Zuckerwürfel in der Dose auf dem Tisch und die liebevoll bemalten Blumendekors auf den Miniaturtässchen und Kleidern der Frauen. Außerdem können Sie in der Sonderausstellung „Porcelaine Royale. Napoleons Bedeutung für Sèvres und Fürstenberg“ noch bis zum 10. Dezember noch weiteres sehenswertes Porzellan von Fürstenberg und Sèvres bestaunen.

Spätestens jetzt kriegen Sie von Omi beim nächsten Kaffee bestimmt ein extra Stück Kuchen!

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.