Heute geben wir in unserem Blick hinter die Kulissen die Antwort auf eine Frage, die uns oft gestellt wird, wenn wir von der langen Sanierung unseres Museums erzählen: Was macht Ihr eigentlich die ganze Zeit?

Tja. Was machen wir die ganze Zeit. Urlaub? Nein. Schönheitsschlaf à la Dornröschen? Nein. Aschenputtel beim Sortieren der Erbsen und Linsen helfen? Auch nicht. Wobei wir uns mit dem Aschenputtel noch am ehesten identifizieren können. Ein geschlossenes Museum führt für die Öffentlichkeit eine ähnliche Schattenexistenz wie das Aschenputtel nach der Heirat ihres Vaters mit der bösen Stiefmutter. Auch wenn es von außen niemand sieht: Das Aschenputtel ist ziemlich beschäftigt damit, den Haushalt zu schmeißen.
Zoomen wir in ein Detail dieses Haushaltes. Die böse Stiefmutter und die faulen Stiefschwestern wollen den Prinzen empfangen, in ihrer guten Stube. Natürlich wollen sie Eindruck schinden. Bedeutet: Die gute Stube muss herausgeputzt werden (von Aschenputtel, wem sonst).

Uns geht es genauso: Unsere Kunstwerke sollen nach der Neueröffnung Eindruck machen. Rund 4000 von unseren insgesamt 190.000 Kunstwerken werden im neuen Museum präsentiert. Präsentieren kann man jedoch nur, was präsentabel ist. Bedeutet: Rund 4000 Kunstwerke müssen bis Herbst 2016 präsentabel gemacht werden. Und zwar von der kleinsten, millimetergroßen Gemme bis zum meterhohen Prunkmöbel.
Natürlich müssen nicht alle Kunstwerke aufwändig restauriert werden. Manche Stücke jedoch, die bisher in den Depots geschlummert haben, erfordern sehr viel Arbeit. Zum Beispiel zwei Gueridons, seit dem 18. Jahrhundert Teil der Sammlung des Museums sind. Die Beistelltische, die im prunkvollen Ambiente glänzen sollten, beeindrucken heute noch durch den Kontrast zwischen dem weißen Elfenbein und dem dunklen Holz. Trotzdem waren sie zunächst Gebrauchsobjekte, sie dienten zum Beispiel als Abstellfläche für Leuchter. Das brachte Abnutzungen mit sich, die im Lauf der Jahrhunderte mal mehr, mal weniger kunstfertig ausgebessert wurden. Die Zeit tat ihr übriges und führte zu Altersspuren wie feinen Rissen im Elfenbein, in denen sich Staub absetzte.
Als feststand, dass die beiden Gueridons im neuen Museum präsentiert werden sollen, war klar: Sie müssen restauriert werden. Insbesondere eine Ausbesserung, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts vorgenommen wurde, erwies sich als unglücklich.

Elf 617 Fuß

Hier der Standfuß mit den nachgedunkelten Kunststoffplatten.

Der Fuß des Gueridons war ursprünglich mit hauchdünnen Elfenbeinplatten dekoriert, die bei der damaligen Restaurierung größtenteils durch weiße Kunststoffplatten ersetzt wurden. Das Material Kunststoff verhält sich aber nicht wie Elfenbein, es altert anders. Konsequenz: 50 Jahre später war der Kunststoff vergilbt, während das Elfenbein immer noch sein sanftes Weiß zeigte. Die Gueridons in diesem Zustand in den neuen Galerien zu zeigen, war keine Option.
Da es bei der Restaurierung um mehr als Säuberungen und kleinere Ausbesserungen ging, brauchten wir einen Spezialisten für Elfenbein.

Elfenbein ist ein heikles Material, nicht nur wegen der Handhabung, die eine Spezialausbildung erfordert, sondern auch wegen der Beschaffung. Als unsere Tische im 17. Jahrhundert gefertigt wurden, war Elfenbein ein exotischer, seltener Rohstoff. Es gab keine Berufs-Wilderer und internationalen Schmugglerringe, die die Elefantenpopulationen unseres Planeten an den Rand des Aussterbens brachten. Zu Recht schreckt heute jeder aufgeklärte Europäer vor Elfenbein zurück (die Asiaten leider weniger, dort wissen viele Elfenbein-Käufer noch nicht einmal, dass Elefanten sterben müssen, damit man den Rohstoff bekommt).

Für die Restaurierung unserer Gueridons haben wir einen Fachmann engagiert, der als zugelassener Elfenbeinschnitzer nicht nur mit dem Material vertraut ist, sondern auch berechtigt ist, auf die legalen Elfenbeinbestände zurückzugreifen. Betont sei: Es gibt geringe Elfenbeinbestände, die legal gehandelt werden dürfen und deren Nutzung als ethisch vertretbar gilt. Zum Teil handelt es sich bei diesem Elfenbein um Mammut-Elfenbein, das nach dem natürlichen Tod des Tieres im Permafrostboden konserviert wurde. Kein Museum in Deutschland oder Europa würde auf illegale Bestände zurückgreifen.
Die Elfenbein-Thematik ist sehr komplex, wer sich einlesen möchte, kann das z. Bsp. hier: http://www.wwf.de/themen-projekte/bedrohte-tier-und-pflanzenarten/elefanten/die-grauen-riesen/
In monatelanger Feinarbeit hat der Restaurator die beiden Gueridons vorsichtig gesäubert, hat Bruchstellen instandgesetzt, Gewinde ausgetauscht, sowie Fehlstellen und die vergilbten Kunststoffplatten durch hauchdünne Elfenbeinplatten ersetzt. Nun sind die beiden Tischchen in einem äußerst präsentablen Zustand und können in unseren neuen Galerien von vergangener Prachtentfaltung erzählen.

Elf 617 Fuß nach Restaurierung

Hier ein Blick auf den restaurierten Fuß, auf dem die Kunststoffplatten getauscht wurden.

Das Aschenputtel bekommt am Ende sein Happy End, mit Prinz, tollem Kleid und viel TamTam. Wir betrachten das als Ansporn und nehmen es sportlich, wenn wir (wieder mal) gefragt werden: Was macht Ihr eigentlich die ganze Zeit?

Abbildungen: Helmut Jäger

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2 thoughts on “Museum Backstage: Aschenputtel, oder: Was machen die die ganze Zeit? (Restaurierungs-Geschichten, Nr. 1)

  1. Danke für die ausführliche Info, vor allem mit dem Verweis auf die Problematik der Herkunft des Elfenbeins. Was ich noch gern wüsste, ob wohl der schöne schwarzweiße Fußboden erhalten geblieben ist im alten Haus? Wieviele Menschen ihn schon betreten haben und er sah immer noch gut aus. Viele Grüße aus Hannover, immer gern besuche ich Braunschweig, die Stadt in der ich geboren wurde.

    1. Schön, dass Sie den Artikel informativ fanden. Den schwarz-gelben Fußboden werden Sie auch im neuen Museum wieder entdecken können, zum Beispiel in den Sonderausstellungsbereichen im Erdgeschoss. Wir haben allerdings auch viele Holzböden, zum Beispiel in der Gemäldegalerie, die immer schon einen Parkettboden hatte. Für einen längeren Besuch ist Holz angenehmer als Stein, der Boden federt ein bißchen nach, das entlastet die Knochen und Gelenke. Das ist ein ganz kleines, aber feines Detail – achten Sie einmal darauf, wenn Sie die nächsten Museen besuchen, wie Sie sich bei den verschiedenen Bodenarten nachher fühlen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch in 2016!

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