Ja, ja,  wir wissen es: Superlative über Superlative sind irgendwann einfach nur nervig. Aber sorry, das hier muss einfach mal gesagt werden – weil es garantiert kaum  jemand weiß: Unser Kupferstichkabinett gehört zu den bedeutendsten graphischen Sammlungen Europas.
Dass das kaum jemand weiß, liegt unter anderem daran, dass unsere graphische Sammlung im alten Museum, also vor der Sanierung, im Gegensatz zu Gemälden und Angewandter Kunst keine dauerhafte Ausstellungsfläche hatte. Es fehlte schlicht und einfach der Platz. Dabei macht Kunst auf Papier zahlenmäßig den größten Teil unserer Kunstsammlungen aus: Insgesamt 145.000 der ca. 190.000 Kunstwerke sind Druckgraphik oder Zeichnungen.

Nachdem wir im Rahmen der Sanierung mehr als 1000 m² Ausstellungsfläche hinzugewonnen haben, ist Platz nicht mehr das Problem. Also haben wir den Mangel der fehlenden Graphik-Präsentation behoben. Und das dann gleich richtig: Wir spendieren unserer Graphik im neuen Museum eine maßgeschneiderte Ausstellungssituation  – und unseren Besuchern ein völlig neues, unmittelbares Graphikerlebnis.
Die Maxime, unsere Kunstwerke optimal in ihrer Prachtentfaltung zu unterstützen und unseren Besuchern Kunstgenuss auf höchstem Niveau zu ermöglichen, hat uns bei der Konzeption aller Bereiche und Maßnahmen geleitet. Im Bereich der graphischen Sammlung hat das unser Architektenbüro Kuehn Malvezzi und uns allerdings eine Menge Kopfzerbrechen gekostet.

Die drei Herausforderungen bei der Konzeption der Graphikräume

1. Wir wollten ein erstrangiges Seh-Erlebnis kreieren, wie es dem unmittelbaren Umgang mit graphischen Werken auf den Tischen im Studiensaal des Kupferstichkabinetts entspricht. Die Präsentation von Graphik leidet fast immer und überall unter den Ausstellungsbedingungen. Die Kunstwerke werden in der Regel in genormten, gleichförmigen Wechselrahmen an der Wand hängend präsentiert. Diese Präsentationsform nimmt dem graphischen Kunstwerk durch die erdrückende mehrfache Umrahmung – Passepartout und Wechselrahmen – und die Fixierung als „Flachware“ an der Wand jeglichen individuellen Objektcharakter.

ASCII 5 Bilder, Größe: 7170 x 4771, Sichtfeld: 92.70 x 69.76, RMS: 3.11, Objektiv: Standard, Projektion: Planar, Farbe: LDR
Die optimalste Form, Graphik zu betrachten, aber nicht massentauglich: Das Original direkt vor Augen, im Studiensaal unseres Kupferstichkabinettes

2. Wir mußten optimale konservatorische Bedingungen schaffen. Das Bewahren, Ausstellen und Betrachten von Handzeichnungen und Druckgraphik erfordert besondere Bedingungen. Das liegt vor allem an der Lichtempfindlichkeit von Kunstwerken auf Papier: Gemäß international verbindlichen Museumsstandards dürfen Kunstwerke auf Papier, um sie vor irreversiblen Lichtschäden zu bewahren, nur jeweils maximal 12 Wochen bei gedämpftem Licht (max. 50 Lux) ausgestellt werden, um danach mindestens fünf Jahre in Dunkelheit zu verbringen.

3. Last but not least mußten wir auch die Logisitk im Blick behalten. Die traditionelle Präsentationsform von Graphik mit Passepartouts in Wechselrahmen an der Wand bringt in Bezug auf Rahmung, Hängung und Beleuchtung einen Arbeitsaufwand mit sich, den wir mit dem vorhandenen Personal nicht mehrfach im Jahr hätten leisten können – angesichts der konservatorischen Rahmenbedingungen aber hätten leisten müssen.

Innovative neue Graphik-Vitrinen

In enger Zusammenarbeit mit dem Architektenbüro Kuehn Malvezzi ist es schließlich gelungen, eine völlig neue Präsentationsform zu entwickeln, die alle drei Bedingungen erfüllt. Kern des Konzepts sind sechs beidseitig bestückbare, verglaste Vitrinen mit den Maßen 234 x 308 x 110 cm (H x B x T), in denen jeweils bis zu zehn graphische Kunstwerke präsentiert werden können. Der Vitrinenkörper ruht jeweils auf einem Tisch, dessen Vorsprung (12 cm breit, in 85 cm Höhe) zum Aufstützen einlädt. Auf diese Weise können die BesucherInnen die auf leicht angeschrägter Rückwand in Augenhöhe präsentierten ungerahmten (lediglich passepartourierten) Blätter konzentriert und zugleich entspannt über längere Zeit betrachten, ohne körperlich zu ermüden.

Die Fläche des Objektträgers wird mit Stoff von mittlerer Tönung bespannt, um den zumeist elfenbeinfarbigen Passepartouts keinen zu harten Kontrast zu bieten – der wiederum vom eigentlichen Zentrum, dem Kunstwerk, ablenken würde. Tischhöhe, Sehdistanz, Neigungswinkel der Präsentationsfläche und der gegenläufig schräg geführten Glasscheibe, Höhe des Objektträgers und Position der integrierten, blendfreien Beleuchtung sind in Testreihen am 1:1-Modell mit Probanden unterschiedlicher Statur und Betrachtungsgewohnheiten ermittelt worden und bieten ein Höchstmaß an Ergonomie. Die Frontscheibe fährt zum ungefährdeten Objektwechsel garagentorartig nach oben auf. So kann der Objektwechsel einfach und gefahrlos für Kunstwerk und Mensch bewerkstelligt werden. Zwischen den schrägen Objektträgern kann ggf. unsichtbar eine Substanz zur Stabilisierung der Luftfeuchtigkeit eingebracht werden.

Nicht zuletzt sind die Vitrinen nicht fest im Raum montiert, sondern sind trotz ihres hohen Gewichtes (ca. 900 kg pro Vitrine) mittels Hubwagen frei beweglich und können somit auch in anderen Ausstellungsräumen positioniert werden.

Und die Kosten?

Keine Frage – eine derart maßgeschneiderte, innovative Lösung hat ihren Preis. Wir hatten das große Glück, in der Stiftung Niedersachsen einen Förderer zu finden, der sich der herausragenden Bedeutung unserer graphischen Sammlung ebenso bewusst ist wie der besonderen konservatorischen Anforderungen, die diese fragile Kunst erfordert. Mit insgesamt 300.000 € hat die Stiftung Niedersachsen die Einrichtung des graphischen Schaukabinetts nicht nur gefördert, sondern de facto überhaupt erst ermöglicht.
Und dafür – Ehre, wem Ehre gebührt –  sagen wir an dieser Stelle ein großes, herzliches DANKESCHÖN!
Es hat sich gelohnt, finden wir – und unsere BesucherInnen hoffentlich auch… ab dem 23. Oktober 2016.

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2 thoughts on “Museum backstage: Ein Schaufenster für die Graphik

  1. Ein interessanter Beitrag, der neugierig macht auf die Präsentation der Schätze des Hauses. Bleibt nur die Frage, ob es eine Neueröffnungsausstellung geben wird und wenn (hoffentlich) ja, zu welchem Thema.

    1. Freut uns, dass der Artikel neugierig macht. In den Graphikräumen gibt es eine Eröffnungspräsentation zum Thema „Künstler! Druckgraphische Bildnisse aus sechs Jahrhunderten“. Die erste Sonderausstellung ab Anfang April nächsten Jahres ist betitelt „Zeichnen von Dürer bis heute. Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett“.

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