Eins ist sicher: Wenn wir unser Museum im Herbst 2016 neu eröffnen, machen wir die Welt bunter. Purpur, Himmelblau, Zitronengelb oder Lindgrün – die Wände unserer neuen Ausstellungsräume erstrahlen in allen Farben des Regenbogens. Auf sechs verschiedene Farben bringt es die Gemäldegalerie, die Ausstellungsetage im 2. Obergeschoss präsentiert sich gar in zwölf unterschiedlichen Farbgewändern. Weiße Wände finden sich bei uns noch nicht einmal in Treppenhäusern oder Servicebereichen, denn auch hier erhält die Architektur eine zarte Gliederung in Creme- und Steintönen und erscheint wieder so, wie sie im 19. Jahrhundert ursprünglich konzipiert worden war.

Warum ein solcher Farbenrausch? Kann die Kunst das vertragen?
Oh ja. Sie kann es nicht nur vertragen, sie will es genau so haben! Weiße Ausstellungsräume, das Konzept des „White Cube“, das um 1920 herum in Mode kam, ist eine Inszenierung für Kunst der klassischen Moderne und Gegenwart. Einer der Hintergedanken dieses Konzeptes war es, jegliche Interaktion zwischen der Ausstellungsarchitektur und dem Kunstwerk zu unterbinden. Das Kunstwerk soll mit dem Besucher reden, ohne Hintergrundgeräusche. Moderne Kunst kann man so zum Reden bringen, alte Meister jedoch höchstens noch zum Flüstern. Ein Gemälde, das im 16. oder 17. Jahrhundert gemalt wurde, hat Ihnen vor einer weißen Wand nicht mehr viel zu sagen. Unser Auge kann die feinen Nuancen des Motivs, das in mehreren übereinander aufgetragenen Farbschichten entstanden ist, vor dem blendenden Weiß des Hintergrunds nur schwer ausmachen. Man spricht von einem „Überblendungseffekt“. Das Auge stellt sich auf die Helligkeit der Hintergrundfarbe ein, der eigentliche Hauptdarsteller an der Wand, das Gemälde mit seinen feinen, aber erheblich dunkleren Farbfacetten, verschwimmt zu einem schemenhaften Fleck an der Wand. Dass Weiß keine ideale Hintergrundfarbe ist, gilt übrigens nicht nur für in dunklen Tönen gehalten Gemälde oder dunkle Bronzeskulpturen. Auch helle Materialien wie Marmor oder Alabaster florieren nicht vor einem weißen Hintergrund, die natürlichen Materialien wirken schlimmstenfalls sogar schmutzig.

Alte Kunst kommt also vor farbigen Hintergründen grundsätzlich besser zur Geltung als vor strahlend weißen. Doch auch hier gibt es Unterschiede. In unserer neuen Gemäldegalerie dominieren helle Blau-, Rot- und Grüntöne, während bei Skulpturen und Angewandter Kunst im zweiten Obergeschoss die Wände sowohl kräftige Farben wie Purpur, Zitronengelb (siehe oben im Bild) und Grasgrün zeigen als auch sanfte wie Honiggelb oder Blaugrau. Der Grund: Die Farben sind Mittel zum Zweck, und der Zweck lautet, unserer Kunst das passende Ambiente zu bieten. Die Gemäldegalerie besteht aus meterhohen Räumen mit sehr viel Wandfläche, so dass die Farben sehr intensiv wirken, und die Gemälde hängen direkt an der Wand. Daher haben wir helle Farben gewählt, die die Kunst sanft heben und gleichzeitig das offene Raumgefühl der großzügigen Architektur unterstützen.
Die Galerien im zweiten Obergeschoss haben eine geringere Raumhöhe als die Gemäldegalerie und sind in kleinere Einheiten aufgeteilt, die gezeigten Skulpturen, Porzellane, Prunkmöbel, Lackarbeiten, Münzen, Majolika und sonstige Kostbarkeiten werden nicht direkt an der Wand präsentiert, sondern in Vitrinen oder auf Sockeln. Die räumliche Situation bot uns hier die Chance, auch Farben wie Zitronengelb oder Grasgrün zu wählen, die auf meterhohen Wandflächen wie in der Gemäldegalerie für die Atmosphäre viel zu intensiv wären. Im zweiten Obergeschoss hat schlussendlich jeder der zwölf Themenbereiche eine eigene Farbe bekommen. Wieder hatten wir bei der Gestaltung sowohl die Kunst als auch den Besucher im Blick. Die häufigen Farbwechsel wirken erfrischend und regen dazu an, jeden Raum als ein neues Kapitel zu erleben. Gleichzeitig konnten wir für unsere Kunstwerke einen Hintergrund schaffen, die den thematischen Zusammenhang unterstreicht und sie dadurch optimal hervorhebt. So sind zum Beispiel die Räume zum Themenbereich „Branding“ (Der Fürst als Marke) in herrschaftlichen Purpur-Tönen gehalten, der Themenraum zu Glaube und Religion in einem leichten Himmelblau, und so fort.

Die Farben sind längst gesetzt, die Räume bekommen inzwischen den letzten Schliff für die Rückkehr der Kunst. Haben wir richtig gewählt? Ab Oktober werden wir – und Sie als Leser dieses Blogs – es sehen, wenn wir die ersten Werke in ihre neue Umgebung einbringen.

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Abb.: Einblick in die neue Gemäldegalerie

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4 thoughts on “Museum Backstage: Mut zur Farbe

  1. Erinnerlich mich richtig? In der Villa Favorita am Lago Maggiore gab es auch diese farbigen Räume! Lange ist’s her und gefiel mir sehr!

    1. Sie meinen die Villa am Lago di Lugano, in der die Thyssen-Bornemisza-Sammlung untergebracht war, bevor Sie nach Spanien verkauft wurde? Ehrlich gesagt, sind wir im Moment überfragt.

    1. Vielen Dank, was für ein schönes Kompliment von sehr netten Gästen, die wir gern zum Kunstgenuss verführt haben! Grüße an Orangediamond!

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