Die Höflichkeit verbietet ja eigentlich die Frage nach dem Alter. Steht jedoch die Datierung eines Kunstwerkes im Raum, so sieht die Sache schon wieder anders aus. Hier kennt der Forscherdrang keine Grenzen und Kunsthistoriker wie Restauratoren scheuen keine Mühe, dem Alter auf die Spur zu kommen. Neben stilistischen Analysen und Einordnungen in das Œuvre des Künstlers gibt es aber gerade für Holztafel-Gemälde oder Gemälde, die auf Holz gemalt wurden noch eine weitere, sehr aussagekräftige Möglichkeit: die Dendrochronologie!

Was genau ist Dendrochronologie?

Unter Dendrochronologie versteht man eine Datierungsmethode zur Altersbestimmung von Holz. Wo aber genau lässt sich das Alter ablesen? Hierzu betrachtet man die Kanten einer Holztafel, die aus einem oder mehreren Brettern bestehen kann und zählt die dort sichtbaren Jahrringe. Jahrringe von Bäumen haben eine charakteristische Breite, die das Wachstum des Baumes im jeweiligen Jahr widerspiegelt und je nach klimatischen Verhältnissen variiert. Vergleicht man nun die Jahrringe der zu bestimmenden Tafel mit einem sogenannten Jahrringkalender, der anhand bereits datierter Hölzer angelegt wurde, dann kann man nachweisen, wann die Tafel frühestens gefertigt wurde und auch aus welchem regionalen Wuchsgebiet der hölzerne Bildträger stammt.

The Jordaens Van Dyck Panel Paintings Project (JVDPPP)

Diese faszinierende Möglichkeit nutzt das internationale (The) Jordaens Van Dyck Panel Paintings Project (JVDPPP), um die Forscher Dr. Joost Vander Auwera und Drs. Justin Davies (beide Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België in Brüssel). Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diejenigen Werke der beiden flämischen Künstler Anton van Dyck und Jacob Jordaens zu untersuchen, die auf Holz gemalt sind. Unter den weit über 400 Gemälden, die in der ganzen Welt verstreut sind, finden sich auch zwei im Herzog Anton Ulrich-Museum: das Bildnis eines Herrn von Anton van Dyck (GG 86) und die Anbetung der Hirten von Jacob Jordaens (GG 116), beide ausgestellt im 1. Obergeschoss der Gemäldegalerie.

GG 86, Anton van Dyck (1599-1641) – zugeschrieben, Bildnis eines Herrn, um 1616, Holz, 105,5 x 72,5 cm
GG 116, Jacob Jordaens (1593-1678), Die Anbetung der Hirten, Holz, 125 x 97 cm

 

Um die Holztafeln näher zu untersuchen, kamen die zwei Brüsseler Forscher zusammen mit ihrer Dendrochronologin Dr. Andrea Seim (Universität Freiburg) nach Braunschweig. Wir waren das erste deutsche Museum, in dem sie ihre Untersuchungen vornahmen (zuvor war das Team schon in Großbritannien, Österreich, Italien, den USA und sogar in Südamerika unterwegs). Unsere Restauratorinnen Hildegard Kaul und Verena Herwig hatten die Gemälde kurz zuvor ausgerahmt und begleiteten unterstützend die Untersuchung.

Wie gingen die Forscher im HAUM vor? (Beispiel: die Anbetung der Hirten von Jacob Jordaens)

Schritt 1: Überprüfung der Kanten: Gemeinsam mit unserer Restauratorin Frau Kaul überprüfte Frau Dr. Seim die Ober- und Unterkante des Jordaens-Gemäldes nach Beschaffenheit und Sichtbarkeit der Jahrringe.

Schritt 2: Reinigen der Kanten: Es folgte eine vorsichtige Reinigung von Staubbelägen.

Auch Frau Kaul legte noch einmal Hand an und saugte die Kanten mit einem Spezialgerät ab, das unsere Textilrestauratorin Eva Jordan-Fahrbach eigentlich zur Reinigung von hochwertigem Samt nutzt. Das Gerät besteht aus einer ganz feinen Glaspipette, die über einen Schlauch mit zwei Woulffschen Flaschen verbunden ist und durch einen Membrankompressor praktisch wie ein kleiner Staubsauger sehr punktuell Verunreinigungen absaugen kann.

Schritt 3: Freilegen der Kanten: Unter vorsichtigem Einsatz eines Skalpells mussten die Kanten teilweise noch weiter bearbeitet werden. Hauchdünne Schichten wurden abgetragen, damit die Ringe besser zu erkennen sind. Allerdings durfte die Malschicht dabei nicht berührt werden. Eine diffizile Arbeit!

Schritt 4: Dokumentation der Kanten: Nach dieser Vorarbeit konnten die Kanten schließlich fotografisch festgehalten werden. Zurzeit werden die Aufnahmen im Labor ausgewertet, das heißt die Jahrringe werden in Fleißarbeit über die Fotos ausgezählt und mit den Jahrringkalendern verglichen.

 

Wir, das Herzog Anton Ulrich-Museum, beteiligen uns gerne an einem so umfangreichen, internationalen Forschungsprojekte, das sich fokussiert einer bestimmten Fragestellung widmet und dieser auf den Grund geht. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen und der wissenschaftliche Austausch mit Forschern weltweit verhelfen uns zu neuen Erkenntnissen über die Künstler, ihre Arbeitstechniken und Materialien.

So sind wir nun sehr gespannt auf die Ergebnisse, die uns Dr. Joost Van der Auwera, Drs. Justin Davies und Dr. Andrea Seim in einigen Wochen übermitteln werden. Welches Alter werden die Tafeln wohl haben?

Bald werden wir es wissen und deshalb heißt es nun…

 

…Fortsetzung folgt! 

 

 

Fotonachweis:  Jacob Jordaens, Anbetung der Hirten, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. GG 116 (Claus Cordes, HAUM)/ Anton van Dyck, Bildnis eines Herrn, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. GG 86 (Claus Cordes, HAUM); die übrigen Fotos (Mareike Goldschmied, HAUM)