Selbstbildnisse sind ein besonderes künstlerisches Mittel der Analyse, der Erkenntnis und der Repräsentation: wie zeige ich mich, was möchte ich offenbaren, welche Äußerlichkeiten oder inneren Zustände dokumentieren? Zahlreiche Kunstschaffenden haben sich diese herausfordernde Aufgabe gestellt. In einem Raum der aktuellen Sonderausstellung Kunst setzt Zeichen sind rund 60 solcher Selbstporträts zu sehen. Thematisch gegliedert führen sie die zahlreichen Möglichkeiten der Darstellung des eigenen Ichs anschaulich vor Augen.

Käthe Kollwitz und ihr Bild von sich selbst

Besonders hervor sticht dabei Käthe Kollwitz (1867–1945). Ungefähr 120 Selbstbildnisse hat sie Zeit ihres Lebens geschaffen. Das früheste bekannte Bild im Alter von etwa 22 Jahren, das späteste mit 76, zwei Jahre vor ihrem Tod. Die Werke dienten häufig der Darstellung ihres Selbstbewusstseins als Künstlerin. Mit ihnen präsentierte sie sich als Kunstschaffende in einer Männerdomäne. Zugleich dokumentierte sie darin ihren physischen und emotionalen Zustand.

Von Jung …

Besonders in frühen Selbstbildnissen zeigt sich Käthe Kollwitz bei der Arbeit. So auch in der Radierung Selbstbildnis am Tisch, welche um 1983 entstanden ist. Für dieses Werk wählte sie einen bedeutsamen Ort: den Esstisch, ein Lebensmittelpunkt ihrer jungen Familie. Nach einer kurzen Ausbildung in Berlin und München hatte Käthe im Jahr 1891 den Arzt Karl Kollwitz geheiratet. Sie zog mit ihm von ihrer Heimatstadt Königsberg in die Hauptstadt Berlin. Das Paar mietete eine Wohnung in der Weißenburger Straße (heute Kollwitzstraße), in der beide mehr als 40 Jahre lang lebten und arbeiteten. Ihre Schwester erinnerte sich:

„Die eine große Stube war mit dem Tisch in der Mitte und der großen Hängelampe das Fundament der Familie Kollwitz. Alles hatte sich da abgespielt – der Kinderwagen hat da gestanden, die Käthe hat ihre ersten Radierungen dort gemacht …“

Mit dem Selbstbildnis am Tisch wendete sich die Künstlerin Kollwitz der Druckgraphik zu, zuvor hatte sie überwiegend mit Ölfarben auf Leinwand gearbeitet. Ohne Atelier, mit dem begrenzten Platz in der Wohnung und einem Kleinkind schien ihr die Beschäftigung mit druckgraphischen Techniken eine Platz und Zeit sparende Lösung. So konnte sie weiter an ihrer Karriere arbeiten. Denn trotz der Bedenken des Vaters, der ihr künstlerisches Potential durch die neue Lebenssituation eingeschränkt sah, war sie überzeugt, auch als junge Ehefrau und Mutter eine erfolgreiche Künstlerin sein zu können. Wie um diese Einstellung zu untermauern, blickt sie im Selbstbildnis am Tisch von ihrer Radiertätigkeit am zentralen Familienplatz unter der großen Lampe auf und begegnet dem Blick des Betrachters selbstbewusst und ernst.

ZL 95/6768, Käthe Kollwitz (1867-1945), Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm, um 1920, Kohle in Schwarz, auf Transparentpapier, 39,5 x 35,5 cm

… zu Alt

Die frühe Radierung wird in der Ausstellung „Kunst setzt Zeichen. Neuerwerbungen aus dem alten Europa“ neben drei weiteren Selbstbildnissen präsentiert. Alle vier Werke zeigen die außergewöhnliche technische Bandbreite, die Käthe Kollwitz meisterlich beherrschte: Radierung, Zeichnung, Holzschnitt und Lithographie. Zudem stammen die Werke aus vier unterschiedlichen Lebensphasen – von Jung zu Alt. Erzählerische Elemente, wie noch im Selbstbildnis am Tisch, fallen im weiteren Verlauf ihrer künstlerischen Entwicklung weg. Charakteristisch wird eine reduzierte Darstellung der eigenen Person. Es gelingt der Künstlerin dem Betrachtenden mithilfe ihres herausragenden handwerklichen Könnens und ihrer genauen Beobachtungsgabe scheinbar einen direkten Einblick in ihren körperlichen wie seelischen Zustand zu bieten.

So zeigt sich Käthe Kollwitz in ihrer um 1920 entstandenen Zeichnung nachdenklich und in sich gekehrt. Um diese Stimmung zu vermitteln, nutzt sie gekonnt die durch Künstler wie Albrecht Dürer oder Francisco de Goya bekannte Geste der Melancholie, den in eine Hand gestützten Kopf. Die meisterhafte Verbindung von Technik und Motiv kommt im Holzschnitt-Selbstbildnis von 1922/23 zum Ausdruck. Die kraftvoll und tief in das Holz des Druckstocks eingeschnittenen Kerben werden zu charakterstarken Stirnfalten. Das kontrastreiche Helldunkel unterstreicht die Intensität des direkten Blicks der Künstlerin auf ihr Gegenüber. Vier Jahre vor ihrem Tod setzt Kollwitz die malerischen Qualitäten der Lithographie ein, um mit wolkigen Strukturen und sich auflösenden Formen auch ein Verschwinden der eigenen Person anzudeuten. Aus seitlicher Perspektive blickt Kollwitz auf sich selbst als von der Zeit gebeugte, gealterte Frau.

ZL 95/6760, Käthe Kollwitz (1867-1945), Selbstbildnis von vorn, 1922/23, Holzschnitt, 23,7 x 18,6 cm (Blatt)
ZL 95/6767, Käthe Kollwitz (1867-1945), Selbstbildnis mit Profil nach rechts, 1941, Lithografie, 62,5 x 44,4 cm (Blatt)

In ihren Selbstbildnissen reflektiert Käthe Kollwitz ihr dringliches Interesse an der Konzentration auf das Wesentliche. In der Zusammensicht ihrer Porträts aus verschiedenen Lebensphasen, die in der Sonderausstellung „Kunst setzt Zeichen. Neuerwerbungen aus dem alten Europa“ noch bis zum 20. Januar 2019 zu sehen ist, wird die für alle Menschen geltende Vergänglichkeit des Lebens nahezu spürbar.

Bildnachweis: Käthe Kollwitz, Selbstbildnis am Tisch, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. ZL 95/6751 (U. Mangholz, HAUM); Käthe Kollwitz, Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. ZL 95/6768 (Fotowerkstatt, HAUM); Käthe Kollwitz, Selbstbildnis von vorn, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. ZL 95/6760 (U. Mangholz, HAUM); Käthe Kollwitz, Selbstbildnis mit Profil nach rechts, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. ZL 95/6767 (C. Cordes, HAUM)