Für Belsazar, Sohn des Nebukadnezar und Kronprinz von Babylonien, hat die Tat seines Vaters drastische Folgen – denn dass Kunstraub auch schon in vorchristlicher Zeit kein Kavaliersdelikt war, musste er am eigenen Leib erfahren.

Nebukadnezar, seiner Zeit König von Babylonien, stahl aus dem Tempel von Jerusalem wertvolle Becher, Teller und Bestecke, die seine heimische Tafel aufwerten sollten. Über Jahre hinweg blieb das teure Tafelgeschirr im Besitz Nebukadnezars und seiner Familie. Aber das Schicksal, oder im besonderen Fall Gott, schläft nie und wappnet sich zur Bestrafung – just in dem Moment als der Kronprinz Belsazar bei einem ausladenden Mahl mit Freunden, Familie und Hofstaat sitzt und mit einem beherzten Schluck aus dem goldenen Tempelbecher das heilige Gefäß entweiht.

Wie aus dem Nichts erscheint in der Luft eine Hand, die mit flammender Schrift die Worte „Mene mene tekel u-pharsin“ an die Wand schreibt. Belsazar und seine Gäste sind entsetzt! Was hat die mysteriöse Erscheinung zu bedeuten? Die für Belsazar und seine Gäste nicht lesbare Schrift kann erst vom Propheten Daniel entschlüsselt werden, den der verängstigte Kronprinz rufen ließ. Übersetzt ergibt „Mene mene tekel u-pharsin“ die unheimliche Botschaft „gezählt, gewogen, geteilt“. Das wiederum soll heißen:

Gott hat dein Königtum gezählt und beendet.
Du wurdest gewogen und für zu leicht befunden.
Dein Reich wird geteilt und den Medern und Persern gegeben.

Im Klartext also: Dein Reich wird untergehen und du selbst wirst sterben! Als er das hört, verliert der kreidebleiche Belsazar vollends die Fassung. Aber gegen den göttlichen Willen ist nun mal nichts zu machen. Und tatsächlich geht die Prophezeiung des Daniel fast unmittelbar in Erfüllung: Noch in der gleichen Nacht wird Belsazar von seinen Dienern erschlagen und nach seinem Tod sein Reich aufgeteilt. Was für eine Tragödie! Die Begriffsbedeutung des auch heute noch für unheilvolle Warnungen gebräuchlichen Worts „Menetekel“ kommt also nicht von ungefähr, sondern kann laut Bibel auf göttliche Intervention zurückgeführt werden.

Künstler lassen sich ja bekanntlich gerne von dramatischen Szenen und großen Auftritten inspirieren, und so ist es nicht verwunderlich, dass Poeten und Musiker über die Jahrhunderte die Thematik aufgegriffen haben. Vom Schriftsteller Heinrich Heine gibt es die Ballade „Belsazar“ und Georg Friedrich Händel schrieb 1745 das Oratorium „Belshazzar“. Während Händels Werk eine Aufführungszeit von fast drei Stunden benötigt, kommt Heine in seiner 21-strophigen Schauerballade deutlich früher zu einem Ende. Vor allem die Schlussstrophe entbehrt in ihrer lapidaren Kürze nicht einer gewissen Komik: „Belsazar ward aber in selbiger Nacht / von seinen Knechten umgebracht“. So schnell kann’s gehen…

Die ganze Geschichte können Sie übrigens in der Bibel nachlesen, und zwar im Alten Testament (Daniel 5,1-30).

 

Abbildung: Maleremail in Grisaille,  Pierre Reymond ca. 1560; Abbildung auf dem Boden einer Schale (Pierre Reymond / Pierre Courteys). Foto: Fotowerkstatt HAUM

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