#DigSMus, no. 1: Blogparade „Wie digital sollten Museen sein?“

Mit folgendem Kommentar leitete einer der Direktoren unseres Museumsbetriebes mir die e-mail von museum beck.stage mit dem Aufruf zur Teilnahme an der Blogparade zum Thema „Wie digital sollten Museen sein“ weiter: „…zur Info, handelt es sich dabei um Bauernfängerei (wer würde schon ernsthaft diese Fragen mit nein beantworten)?“
Eigentlich sagt diese kurze e-mail schon alles. Aber da diese Antwort eher der Länge eines Tweets entspräche als einem Blogbeitrag und die Frage im Detail durchaus komplexer ist, hole ich etwas weiter aus.

 

Frage Nr. 1. Welche digitalen Angebote sollte jedes Museum machen?
1.) Die, die es sich leisten kann, finanziell wie personell
2.) Die, die sein Publikum nutzt und erwartet
3.) Die, die seine gesellschaftliche Rolle erfordern
Diese drei Faktoren spielen eine Schlüsselrolle bei der Antwort auf diese Frage. Es gibt in Deutschland fast 7000 Museen, viele davon sehr kleine, ehrenamtlich betriebene Häuser. Einem Museum, das nur an wenigen Tagen im Monat für ein paar Stunden geöffnet ist und noch nicht einmal die konservatorischen Mindeststandards für die Erhaltung seiner Sammlung ermöglichen kann , das komplette Paket mit Touchtable, Multimediaguides, YouTube-Channel, Twitter, Instagram und facebook, ausstellungsbegleitendem Digitorial a la Städelmuseum und Podcast zu verordnen wäre absurd. Ein großes staatlich finanziertes Haus hingegen kann es sich – bei allem Geld- und Personalmangel, der auch dort immer herrscht – aus meiner Sicht gar nicht mehr leisten, sich NICHT digital zu engagieren, sowohl was die Vermittlungsangebote beim Museumsbesuch selbst betrifft als auch bei der Kommunikation drumherum. Wie mein Chef es so knapp ausgedrückt hat: Die Frage nach der Digitalisierung kann man in einem großen Haus gar nicht mehr verneinen.
Konkret gibt es ein digitales Medium, dass ich jedem empfehlen würde, egal wie klein: eine Webseite (responsive!) mit den Mindest-Infos zu Angebot, Öffnungszeiten, Anfahrt, Preisen und bestenfalls auch Veranstaltungen wie öffentlichen Führungen. Ohne Webseite hat man definitiv ein Problem.

 

2. Sind Museen ohne digitale Angebote heute noch wettbewerbsfähig?
Siehe oben – als kleines Museum im Moment ja, sofern man zumindest eine Webseite hat (ich habe lange gezögert, das überhaupt als digitales Angebot zu bezeichnen, aber strenggenommen ist es das ja). Einem kleinen, mit viel Herzblut und Engagement geführten Museum sehen die Besucher vieles nach. Und noch gibt es neben den digitalen auch die physisch existierenden Touristinformationen mit Flyer-und Plakatauslagen, die die meisten Menschen trotz aller Digitalisierung immer noch als ersten Anlaufpunkt in jedem Urlaub ansteuern.
Als größeres Haus: ich glaube nicht. Aus der digitalen Schattenwelt der Nerds und Early Adopter ist längst eine real existierende Parallelwelt geworden, die direkte Auswirkungen auf das analoge Leben hat. Auf der Tagung des AK Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Museumsbundes im November 2017 in Frankfurt am Main wurde das sehr deutlich thematisiert. Ein überzeugendes digitales Angebot mit zahlreichen und zufriedenen Besuchern oder Followern erzeugt eine gesellschaftliche Relevanz, die für Museen lebensnotwendig ist. Ohne wird man schlicht und einfach unsichtbar.

Abb: Neuer Ausstellungsraum im 2016 eröffneten HAUM mit interaktivem TouchTable

 

3. Was macht ein überzeugendes digitales Profil aus?
Authentizität und Professionalität.
Leider in der Theorie viel einfacher zu beantworten als in der Praxis durchzuführen.
Authentizität setzt für mich voraus, sowohl die Rolle von Museen im Allgemeinen als Orte des Bewahrens, der Forschung und der verlässlichen Wissensvermittlung zu bedenken als auch die spezifische Rolle des eigenen Hauses innerhalb dieses Rahmens zu finden. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Frage – bestenfalls interdisziplinär zwischen allen Abteilungen eines Museums – ist meines Erachtens essentiell für einen authentischen digitalen Auftritt. Ohne diese Auseinandersetzung fehlt dem Team der Kompass, der im digitalen Dschungel das Erreichen des Zieles gewährleistet.

Ein Beispiel:
1. Dezember 2017 in der Abteilung PR & Marketing. Wir überlegen, was wir in unseren Social Media Kanälen posten. Ah, heute ist World-Aids-Tag. Schnell nachgeschaut, findet sich in unserer digitalen Datenbank Virtuelles Kupferstichkabinett sogar eine Darstellung einer Affenjagd (orientalisch allerdings, wir hätten bei den Kollegen aus der Wissenschaft nochmal nachhaken müssen, um die Umstände zu klären). Eine neue Kollegin, eine echte „digital native“, kommentiert: „Also für instagram geht das gar nicht, das ist zu kritisch, das mag die community nicht.“


Abb: Tempesta, Antonio: Orientalische Jäger bei der Affenjagd, ca. 1595-1610

Kritisch mag die Instagram-community nicht.
Ohne den Kompass kann es an solchen Stellen schwierig werden. Den Charakter von Instagram ändert man nicht mit unpassenden Posts, man fällt höchstens negativ auf. Umgekehrt ändern aber wir unseren Charakter, wenn wir uns z.B. ausschließlich der Ästhetik von Instagram unterordnen würden. Für das gerade beschriebene konkrete Beispiel wäre eine denkbare Strategie gewesen, den Denkanstoß anstelle bei instagram in einen Blogbeitrag zu verpacken und diesen via Twitter und facebook zu verbreiten.

Dieses Beispiel zeigt gleichzeitig auch, was in dieser Woche Anika Meier von #thisaintartschool auf der Tagung Focus Museum in einem best-and-worst-practice-Vortrag sehr eindrucksvoll demonstriert hat: Man muss die digitalen Medien/Kanäle verstehen, um sie professionell einsetzen zu können. Und es hilft alles nichts: Man wird sie nie verstehen, wenn man sie nicht selbst nutzt (keine Angst vor trial and error, das gehört dazu).

Authentizität und Professionalität sind auch der Schlüssel zum Erfolg des immer wieder zitierten Leuchtturms Städelmuseum. Das Städel kennt seinen Charakter bzw. Markenkern und bleibt diesem konsequent treu – genauso konsequent geht es das Thema Digitalisierung professionell an, ohne Scheu vor Experimenten, die auch schief gehen können. Alle Aktivitäten gehen von der Sammlung aus, im Zentrum des Denkens und Handelns steht der Wunsch, Menschen Kunst näher zu bringen. Mit Geld hat das erstmal gar nichts zu tun.

Wer nach meinen neunmalklugen Äußerungen jetzt unsere digitalen Angebote auf Herz und Nieren prüft, wird vieles finden, dass verbesserungsbedürftig ist. Ja, ich weiß – wir haben noch nicht mal eine Webseite, die responsive ist. So ist es eben: Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander. Kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen – Wandel braucht einfach Zeit, insbesondere ein nicht umsonst als „revolutionär“ bezeichneter Wandel wie die Digitalisierung. Aber ich garantiere: wir arbeiten daran.

 

4. Wie stellst Du Dir das digitale Museum der Zukunft vor?
So digital, wie es sein muss, um die Menschen zu erreichen. Digitales im Museum ist für mich Mittel zum Zweck.
Wie gut jedoch, dass der Zweck auch die Schulung des ästhetischen Empfindens und kreativen Potentials sein kann… (Puuh, gerade noch die Kurve gekriegt. Ich darf weiter instagrammen!)

 

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