Die Darstellung von Amerikanern und Europäern in einem japanischen Farbholzschnitt mag zunächst überraschen, ist aber eine logische Konsequenz aus der Öffnung Japans nach Westen. Denn als Japan im Jahr 1860 die in den 1630er Jahren selbst gewählte Abschließung gegenüber dem Westen endgültig aufgeben musste, prallten vollkommen unterschiedliche Kulturen aufeinander, die sich bislang völlig fremd waren.Für die Bevölkerung Japans, die vor den als schädlich empfundenem kulturellen Einfluss der Europäer geschützt werden sollte, dürfte der Kontakt mit den Fremden eine einschneidende Erfahrung gewesen sein. Allein mit den Niederländern hatte man weiterhin einen stark eingeschränkten und streng reglementierten Kontakt gepflegt. Sie durften über den strikt abgesperrten Hafen in Nagasaki, der als eine Art Kontaktzone diente, mit Japan Handel treiben, das Land selbst aber praktisch nicht bereisen.

Die erzwungene Öffnung Japans

Obgleich aus japanischer Sicht das Fenster zur westlichen Welt nie ganz zugeschlagen worden war, traf Japan die Landung der Amerikaner im Hafen von Uraga im Jahr 1853 dennoch vollkommen unerwartet. Die Amerikaner drohten, sich notfalls gewaltsam Zugang zum japanischen Handelsraum zu verschaffen, sollte sich Japan nicht für den Westen öffnen. Schließlich kam es 1854 im Vertrag von Kanagawa zu einer Friedens- und Handelsübereinkunft zwischen den USA und Japan, der 1858 weitere Verträge mit Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Russland folgten. Um den Vertragsländern einen Zugang zu ermöglichen, wurden 1859 die Häfen von Yokohama, Nagasaki und Hakodate geöffnet.

Yokohama-e

Japanische Farbholzschnitte aus Yokohama, die ab den 1860er Jahren die Begegnung der Kulturen gezielt für die japanische Bevölkerung ins Bild setzten, werden als Yokohama-e bezeichnet. Sie dokumentieren die Sitten und Gebräuche der Fremden in den Kontaktzonen und stellen die Unterschiede zur heimischen Kultur heraus. Hierfür steht das in der rechten oberen Ecke betitelte Triptychon Menschen der Fünf Nationen (五箇国人物呑託之図) von Utagawa Yoshitora exemplarisch, da es Vertreter aller fünf Staaten anführt, die mit Japan Handelsverträge geschlossen hatten. Im Einzelnen handelt es sich um Personen, die folgende Nationen repräsentieren (von links nach rechts): England/Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Russland und Amerika/USA.

Japans Blick auf die fremden Kulturen

In dieser konkreten Hafenszene wirkt die inszenierte Andersartigkeit der Fremden aus heutiger Sicht geradezu überzeichnet und lässt deutlich erkennen, dass der Künstler bis dahin kaum Gelegenheit hatte, Europäer oder Amerikaner selbst zu studieren. Entsprechend sind die Gesichtszüge der fremden Personen recht steif, leblos und stereotyp wiedergegeben. Die Unterschiede zu den hier dargestellten traditionell gekleideten Chinesen, mit denen die Japaner im engeren Handelskontakt standen, sind eklatant: Im Bild sind Haartracht und Kleidung, ja selbst die Beschaffenheit der Stoffe so exakt wie möglich festgehalten. Weitere kulturelle Unterschiede werden dem Betrachter in der Benutzung von Tischen und Stühlen aufgezeigt – Möbel, die in der japanischen Kultur unbekannt waren. Eine zeittypische, allgemeine Technikbegeisterung wird ferner durch eine Gruppe von drei Europäern vermittelt, die hinter dem Tisch über die Takelage eines der Schiffe im Hafen diskutieren.

Das Braunschweiger Exemplar im Vergleich

Bei dem Braunschweiger Triptychon handelt es sich um einen frühen, auf drei Blatt vom dünnen Japanpapier im oban-Format (ca. 38 × 26 cm) gedruckten Abzug. Das Druckbild setzt sich jeweils aus mindestens neun Druckstöcken zusammen. Zum Druck wurden noch traditionelle Naturfarben verwendet; zu erkennen an der gedeckten Farbigkeit und den erdigen Tönen. Anders als die recht unempfindlichen Anilinfarben, die ab 1860 zunehmend aus Europa importiert wurden, sind Naturfarben nur bedingt stabil und lichtempfindlich. Aus diesem Grund hat der Braunschweiger Abzug – wie viele mit Naturfarbe gedruckte Blätter – seine ursprüngliche Strahlkraft verloren. Dennoch lässt sich trotz dieser Einschränkung klar feststellen, dass eben dieser Abzug noch nicht den westlichen Sehgewohnheiten unterworfen worden ist. Im Vergleich dazu erscheint ein wohl bereits mit Anilinfarbe gedrucktes Exemplar aus dem Metropolitan Museum in New York (JP3330 https://www.metmuseum.org/art/collection/search/55478) nicht nur farbintensiv, sondern geradezu leuchtend.

Artist: Utagawa Yoshitora, Japanese, active ca. 1850?80, People of the Five Nations, 1861, Triptych of polychrome woodblock prints; ink and color on paper, Image: 14 1/4 x 29 1/2 in. (36.2 x 74.9 cm). The Metropolitan Museum of Art, New York. Gift of Lincoln Kirstein, 1959 (JP3330), via www.metmuseum.org

Die Kleidung der Damen ist bunter, wodurch deutlich erkennbar wird, dass zur Ausgestaltung der in Japan bis dato unbekannten Reifröcke alle Druckstöcke zum Einsatz kamen. Gelbe und grüne Farbakzente lenken den Blick des Betrachters auf drei Damen in aufwendigen Kleidern, die quasi als ein zentrales Bühnenelement der Komposition inszeniert werden. Denn die drei Damen, die sich im Gespräch zu befinden scheinen, sind so im Raum verteilt, dass ihre Kleider dem Betrachter in drei verschiedenen Blickwinkeln – von hinten, von vorn und von der Seite – vor Augen gestellt werden.

Titelbild: Utagawa Yoshitora (aktiv 1836–1882), Menschen der Fünf Nationen, Farbholzschnitt, Triptychon (3 Blatt), 1861, H. 36,4 cm; B. 74,5 cm, Inv. Nr. ZL 06/8278 a-c, Schenkung von Prof. Dr. Thomas Dexel, Braunschweig (2006)

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