Stellen Sie sich vor: Sie haben Geburtstag und Ihre Freunde zum festtäglichen Abendessen eingeladen. Aber Sie wollen diesmal nicht wie sonst mit einer siebenteiligen Menüfolge glänzen, sondern mit einem erlesenen Buffet begeistern. Melonengazpacho, Forellenschiffchen, Lachsbutter, exotische Früchte, Pestobrot, Burger mit Lachs und Curryremoulade, eine umfangreiche Käseplatte, ein Laib Parmaschinken sowie zahlreiche erlesene Küchlein und Cremespeisen stehen in der Küche bereit. Aber wie arrangieren??

Und plötzlich fällt Ihr Blick auf Ihre Pinnwand in der Küche… Einkaufslisten, Eintrittskarten, Erinnerungen an Geburtstage, aber da war doch was….

…Eine Postkarte mit einem Stillleben: Jan Davidsz. de Heems Früchtestillleben mit Austern und Weinglas.

 

Jan Davidsz de Heem (um 1606-1684), Früchtestilleben mit Austern und Weinglas, Holz,  HAUM, GG 433 (Foto: Claus Cordes, HAUM)

Üppige Früchte arrangiert in einer großen Delfter Fayenceschüssel. Aufgeschnittene Granatäpfel laden den Betrachter ein, saftige Austern sowie eine Garnele warten nur darauf verspeist zu werden. Pfirsiche, Weintrauben und ein Laib Brot liegen umrankt von Weinblättern auf einem Tisch.

„Heureka!! Haha, da ist es!“

Ihr Partner, heute zur Küchenhilfe degradiert, blickt verwirrt vom Spülbecken auf, während Sie mit nachdenklichem Blick flugs ein großes weißes Tischtuch auf dem Esstisch drapieren…Sie fangen seinen Blick auf und beginnen sich zu erklären: „Wir versetzen uns zum Tischdecken einfach in die Rolle eines holländischen Malers des 17. Jahrhunderts und schaffen ein Stillleben.“

„Ein Stillleben?“, wird er ungläubig erwidern, „Ach, so ein totes Natur-Ding. Wie langweilig! Bist du dir da sicher?“ Für einen kurzen Moment gerät Ihr Abendessen in den Hintergrund und Sie planen einen dringenden Besuch im Herzog Anton Ulrich-Museum für das nächste Wochenende ein. Eine Nachhilfe-Stunde in puncto Stillleben muss her! Unbedingt!!

Aber: Durchatmen! Jetzt gilt es sich dem Wesentlichen zuzuwenden.

Während Sie nun die Speisen flugs auf dem Tisch einladend drapieren, können Sie nicht anderes, Sie beginnen eine glühende Rede auf das Stillleben zu halten: „Aber aber, Stillleben, also die naturgetreue, manchmal auch die Wirklichkeit übertreffende Wiedergabe von Alltagsobjekten, sind alles andere als langweilig, gibt es doch zig verschieden Arten von Stillleben! Die sinnliche Erfahrung der Stillleben verführt den Betrachter, lädt zur Muße und zum Genießen ein. Und wer erfreut sich etwa nicht an einem immerwährenden Blumenstrauß, oder der Fülle und Schönheit der Natur und der Dinge? Sie spielen natürlich auch mit dem Betrachter, indem sie die Sinne täuschen. Doch sie als reine Dekorationsgegenstände abzutun, wäre weit verfehlt! Häufig verstecken sich hinter den schönen Dingen tiefgründige Allegorien, gerne auch christliche Symbolik, sehr oft natürlich auch Hinweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Wir aber widmen uns hier ja einem sogenannten Mahlzeitenstillleben, auf Holländisch Banketje. Lassen wir dabei einmal die kleineren Unterschiede zwischen flämischen und holländischen Banketje beiseite, dann zeigen solche Gemälde, wie der Name ja schon sagt, einen gedeckten Tisch. Sieh dir einmal de Heems Früchtestillleben an! Feiert es nicht das Leben?! Natürlich kann der geübte Kenner auch hier in jedem Objekt mehr als nur bloße Speisen erkennen! Wusstest du etwa, dass Garnelen als unreine Tiere galten? Ihr Verzehr galt somit als Sünde! Oder, dass ein halb getrunkenes Glas Symbol der Mäßigung ist? Natürlich kann Wein auf den Opfertod Christi verweisen, auch Kirschen können als christliche Symbole gelten…viel Symbolik bleibt uns heute leider verborgen, aber trotzdem strahlen Stillleben bis heute eine große Faszination aus! Und sind daneben eine wunderbare Inspirationsquelle!“

Stolz blicken Sie nun auf Ihre prachtvoll gedeckte Tafel! Ihre Gäste werden staunen…und Sie werden auf das Museum als unerschöpfliche Inspirationsquelle für alle Lebenslagen verweisen!

 

Abbildung oben: Willem Claesz. Heda (1594-1680), Frühstücksstillleben, 1640, HAUM, GG 802 (Foto: Claus Cordes)

3 thoughts on “How to impress: Stilvoll leben mit Stillleben”

  1. Vielen Dank für diesen anregenden und fröhlichen Beitrag zu Stillleben. Man bekommt richtig Lust, sich im Museum die Werke anzusehen und diese Fülle, das Arrangement, die Ästhetik zu genießen.

    Eine etwas unkunlinarische Frage hätten wir aber doch noch: Wie häufig kommen auf Stillleben eigentlich Uhren vor? Und mit welcher symblischen Bedeutung?

  2. Vielen Dank für die interessante Frage! Hier der Kommentar unserer Uhrenspezialisten: Goldglänzende Taschenuhren gehören tatsächlich zum eingeübten Repertoire niederländischer Stilllebenmaler des 17. Jahrhunderts. Sie sind meist ebenso naturalistisch dargestellt wie die gemalten Blumensträuße, Goldschmiedeobjekte oder Speisen eines Stilllebens und damit wichtige Bildquellen für die Wissenschafts- und Technikgeschichte. Überwiegend am vorderen Bildrand auf einer Tischkante platziert, ist ihr Deckel für gewöhnlich geöffnet und macht den Blick auf das Zifferblatt, in manchen Fällen auch auf das Uhrwerk, frei. Locker hängt ein Seidenband, an dem sie aufzuhängen sind, mit dem Uhrschlüssel an der Tischkante herab.
    Zusammen mit anderen Bildelementen unterstützen die Taschenuhren die Vanitas-Thematik der Stillleben. Die Vergänglichkeit alles Irdischen wird auch an ihnen sinnlich erfahrbar – sei es durch das unwiederbringliche Voranschreiten des Uhrzeigers, sei es durch den hellen Glockenklang des Stundenschlags.

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