Die Vorbereitungen für die Neueröffnung des Herzog Anton Ulrich Museums laufen auf Hochtouren. Erst vor ein paar Tagen ist ein an das Museum für Lackkunst in Münster ausgeliehenes Objekt wieder in der Lack- und Möbelrestaurierung eingetroffen, das nun auf seinen Platz in der neuen Dauerausstellung wartet. Es handelt es sich um einen seltenen weißen Kabinettschrank des belgischen Künstlers Gérard Dagly (1660 bis 1715). Dagly arbeitete am preußischen Hof in Berlin und war einer der besten Lackkünstler seiner Zeit, der sich mit seinen Imitationen ostasiatischer Motive einen Namen machte. Um den Schrank wieder in voller Pracht erstrahlen zu lassen, hatten die Restauratoren der Lack- und Möbelrestaurierung alle Hände voll zu tun. Nicht nur die Oberfläche musste gereinigt werden, es wurden auch feine Risse in der Lackoberfläche beseitigt. Und das geht am besten mit Leim.

Aber: Leim ist nicht gleich Leim – das wussten schon die alten Ägypter und Römer, als sie verschiedene mit Wasser verflüssigte Klebemittel nutzten. Leim ist das Endprodukt einer Lösung bestimmter Grundstoffe in Wasser. Das können pflanzliche oder synthetische Grundstoffe sein, und – auch wenn es gewöhnungsbedürftig klingt – Tierhaut und -knochen. Aber nicht nur der Heimwerker weiß die klebrige Flüssigkeit zu schätzen, auch für die Restauratoren des Herzog Anton Ulrich-Museums ist Leim ein wichtiges Material, um Möbel, historische Bilderrahmen oder anderes zu fixieren. Dabei werden Leime verwendet, die für den Laien so exotisch-morbide klingende Namen tragen wie Knochenleim, Hausenblasenleim, Haut- oder Hasenhautleim. Und der Name ist Programm, denn der Inhaltsstoff ergibt sich aus der Bezeichnung des Rohstoffes (als „Hausenblase“ bezeichnet man die getrocknete Schwimmblase des Hausen, einer Störart). Um die Qualität der Inhaltsstoffe sicherzustellen, rühren sich unsere Restauratoren jeden Leim selbst an – also nichts mit „eben mal in den Baumarkt gehen zum Leimkaufen“. Der Baumarktleim wäre nach dem Trocknen ohnehin zu stark gebunden, als dass er sich bei Bedarf wieder lösen ließe. Im Museum verwendet man „reversible“ Leime, die wieder entfernbar sind.
Aber was hat es mit den genannten Leimen nun genau auf sich?

Knochenleim wird aus zerkleinerten Tierknochen hergestellt – genau denen, die beim Schlachten von Schwein, Huhn, Rind & Co. als eigentliches Abfallprodukt übrigbleiben. Der Knochenleim hat den Vorteil, dass er besonders tief auch in schmalste Fugen eindringen kann. Deswegen wird er z. B. für die Festigung von losen Furnieren verwendet. Einmal getrocknet, muss man aber vorsichtig sein, denn die Leimschicht trocknet relativ hart und spröde und kann wieder brechen.

Auch beim Hautleim geht es – betrachtet man seinen namengebenden Inhaltsstoff – um tierische Bestandteile. Im normalen Hautleim ist das ein Potpourri aus Häuten von allem, was kreucht und fleucht und beim Schlachter als „Abfall“ klassifiziert wird: Rind, Schaf, Schwein … Nur der Hasenhautleim ist 100% Hase und daher von besonderer Qualität. Er wird nicht nur zum „normalen“ Verleimen benutzt, sondern bildet auch gemischt mit Kreide die Grundierung zum Auftragen von Blattgold und farbigen Fassungen auf Holzoberflächen. Goldhase mal anders (die Verbindung besteht also nicht erst seit der Existenz von Lindt-Schokolade)! Im Vergleich mit dem Knochenleim kehren sich die Vor- und Nachteile des Hautleims fast schon um: Hautleim ist besonders elastisch, hat aber eine geringere Eindringtiefe. Gerne genommen wird dieser Leim z.B. zur Restaurierung abgebrochener Stuhlbeine, die ja das Gewicht des Sitzenden halten müssen, wobei die Elastizität des Leims zur Abfederung beiträgt. Und das ist auch gut so, denn es wäre wohl ein Skandal gewesen, wenn früher die fein geschnitzten Prunkstühle Herzog Anton Ulrichs unter dem Gewicht des Herzogs zusammengebrochen wären….

Aber was, wenn man einen Leim mit guter Eindringtiefe benötigt, der aber auch im trockenen Zustand noch relativ elastisch bleibt und nicht bricht? Richtig, der findige Restaurator mixt sich Haut- und Knochenleim kurzerhand zusammen! Das geht, weil beide Leime ja in Wasser gelöst sind.

Am exotischsten – und (typisch!) am teuersten – ist der sogenannte Hausenblasenleim, so benannt, weil er aus der getrockneten Schwimmblase des Hausen, einer Störart, hergestellt wird. Die höchste Qualität hat dabei der sogenannte Salianski-Hausenblasenleim. Wie auch bei den Inhaltsstoffen von anderen Leimen wird der arme Stör natürlich nicht erst gezüchtet, nur um später in der Restaurierungswerkstatt in Klebemittel verwandelt zu werden – auch in diesem Fall ist die Grundlage für den Leim ein Nebenprodukt. Bei der Störzucht ist man nämlich vor allem an den Fischeiern des Störs interessiert, die dann als Kaviar teuer an die Delikatessenläden dieser Welt verkauft werden. Je nach Absatzmenge des Kaviars variiert die Verfügbarkeit des Hausenblasenleims – oder anders gesagt: Wird wenig Kaviar gegessen, muss der arme Restaurator tief in die Tasche greifen, um seinen Leim anrühren zu können. Für nur 100 Gramm getrocknete Fischblase „darf“ man etwa 60 € hinblättern. In der Werkstatt schneidet der Restaurator die Blase klein, löst sie in Wasser, siebt unlösliche Bestandteile heraus und trocknet die Leimlösung nochmals, bis sie aussieht wie dünne, transparente Folie. So kann man den Leim gebrauchsfertig aufbewahren; er ist dann sofort und auch vollständig in Wasser löslich. Hausenblasenleim hat gegenüber den anderen Leimen einen entscheidenden Vorteil: Er hat auch sehr stark verdünnt noch eine hohe Klebekraft und kann so besonders gut auch in die allerfeinsten Risse beschädigter Oberflächen eindringen.

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Generell wird der jeweilige Grundbestandteil (Tierhäute, -knochen etc.) zur Herstellung des Leims in kaltem Wasser erst angeweicht, um danach im Wasserbad erwärmt ganz gelöst zu werden. Benutzt wird dafür destilliertes Wasser. Erkaltet diese Masse, wird sie starr und geliert (übrigens genauso wie Wackelpudding). Nach dem Anrühren wird der fertige Leim im Kühlschrank aufbewahrt, damit nichts anfängt zu schimmeln. Um den Leim benutzen zu können, muss er aber flüssig sein – da wird dann auch schon mal mit dem Föhn nachgeholfen, um Oberflächen für die Verleimung vorzuwärmen. Auch beim Auftragen des Leims spielt Wärme eine große Rolle: Um feinste Risse in beschädigten Oberflächen aufzufüllen (sogenannte Craquelées z.B. auf der Front einer Schublade aus unserem weißen Kabinettschrank von Gérard Dagly) wird auf die betreffende Stelle hauchdünnes Japanpapier gelegt, das mit einem Klecks Hausenblasen-Leim beträufelt wird. Mit einem „Heizspatel“, der aussieht wie ein kleines Bügeleisen, wird der Leim angewärmt „angebügelt“ und zieht über das Papier in die Risse ein. Eine Schutzfolie zwischen Papier und Heizspatel verhindert, dass das „Mini-Bügeleisen“ dabei selbst festklebt.

Egal ob Hasenhautleim, Knochenleim, Hausenblasen- oder Hautleim: Für unsere Restauratoren gehört das Anrühren von Leim zum Arbeitsalltag. Und wenn Sie nach der Neueinrichtung des Herzog Anton Ulrich-Museums unsere Objekte wieder in voller Pracht bewundern möchten, dann wissen Sie jetzt sogar, was in so mancher Ritze steckt: Leim!

 

Titelbild: Restaurierung einer Schublade aus dem Kabinettschrank von Gérard Dagly mit Heizspatel und Leim Abbildungen: C. Cordes, Fotowerkstatt HAUM

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2 thoughts on “Museum Backstage: Eine klebrige Angelegenheit”

  1. Interessanter Artikel über Leim. Ich selber möchte bald selber Fischblasenleim herstellen und hätte dazu ein paar Fragen. Wäre es eventuell möglich mir den Kontakt von einem Restaurator (am besten von einem Leimexperten) herzustellen?
    Ich würde mich sehr darüber freuen.

  2. Mit Bitte um Entschuldigung für die Verzögerung in der Rückmeldung: Wir freuen uns, dass der Artikel gefallen hat! Melden Sie sich gern bei unseren Restauratorinnen, z.B. bei der Kollegin Ulrike Stelzer, e-mail u.stelzer(at)3landesmuseen.de.

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