Wer kennt es nicht? Es ist Urlaubszeit, man sitzt nichts ahnend vor dem Computer und checkt seinen Status auf Facebook und wird konfrontiert mit Familienselfies aus dem Sommerurlaub von Freunden und Verwandten. Sie teilen ihre mit dem Smartphone geknipsten Bilder von sich und den lieben Kleinen vor Strand-, Wald- oder Bergkulisse mit der Welt. Wenn Sie das nächste Mal eines dieser Zeugnisse familiärer Einigkeit sehen, kommentieren Sie doch das Bild mit einer kleinen Anekdote über die Verbreitung von Familienbildern in vor-fotografischer Zeit!

Vor über 200 Jahren war es nicht so einfach Bilder seiner Familie mit Freunden und Bekannten zu teilen. Um ein Bild seiner Familie zu erzeugen, konnte man nicht einfach selbst auf den Auslöser drücken, sondern brauchte einen Porträtmaler und man musste viel Zeit mitbringen – im Schnitt mehrere Stunden. Wollte man ein gutes Porträt musste man tiefer in die Tasche greifen und sollte es gar von einem berühmten Maler sein, wohl noch etwas tiefer. Also musste die ganze Sache gut überlegt und geplant sein. Die Pose muss, genauso wie das Outfit auf den Punkt sein, man hatte nicht wie beim heutigen Selfie unendlich viele Versuche, die beliebig wiederholt und zur Not gelöscht werden konnten.

Im Jahr 1787 bekam auch der gefragte englische Maler Joshua Reynolds (1723 – 1792) den Auftrag von Sir Robert Smith dessen Ehefrau Charlotte Sophia und ihre drei Kinder, George Henry, Louisa und Charlotte zu porträtieren. In einer Mischung aus repräsentativer und privater Form begann Reynolds kurze Zeit nach Beauftragung das Familienporträt.

Nach insgesamt 11 Sitzungen war das Gemälde endlich fertig. Lady Smith, mit spektakulärem Hut, posiert in eleganter Pose mit gekonntem, nachdenklich-träumerischem Gesichtsausdruck; eines Selfies von heute würdig. Ihre drei Kinder wurden wohl nicht für alle Sitzungen hinzugezogen, es ist anzunehmen, dass das lange Stillhalten ein Problem geworden wäre. So malte Reynolds die drei in einer spielerischen, bewegten Pose, die einen Kontrast zu ihrer eleganten Mutter bildet.

Das Familienbild wurde im selben Jahr in der Royal Academy of Arts ausgestellt (heute befindet sich das Gemälde im Metropolitan Museum of Art in New York: Joshua Reynolds „Lady Smith and her children“) und erfreute sich großer Beliebtheit und so wurde es zwei Jahre später, 1789, von Francesco Bartolozzi (1727/28 – 1813), einem geschickten Reproduktionsstecher, zur Vervielfältigung in Kupfer gestochen.

So kam das Bild von Ehefrau und Kindern in unterschiedliche Sammlungen, wie in die des Herzog Anton Ulrich-Museums und somit in die Öffentlichkeit. Ähnlich wie wir heute private Bilder auf Internetseiten sozialer Netzwerke einem breiten Publikum zugänglich machen, sprengte die grafische Reproduktion den privateren Rahmen des gemalten Porträts und trug zu Verbreitung und Sichtbarkeit bei.

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