Dass das heutige englische Königshaus deutsche Wurzeln hat, ist relativ bekannt, dass diese aber auch nach Braunschweig reichen, dürfte manchen überraschen. Von diesen vielfältigen Verbindungen erzählen auch zahlreichen Kunstwerke in den Sammlungen des Herzog Anton Ulrich-Museums. Zwei sollen in diesem Beitrag vorgestellt werden.

Familien- und Kunst-Geschichte zwischen Oker und Themse

Das gesamte beherrschte Land zumindest symbolisch darzustellen und überblicken zu können, ist im 17. und 18. Jahrhundert ein häufiges Thema fürstlicher Kunstaufträge. So entstehen Zyklen von Öl-und Wandgemälden, die markante Orte des jeweiligen Territoriums zeigen. Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel ließ dieses Ziel in einem etwas ungewöhnlicheren Medium umsetzen. In seinem Auftrag entstand, wohl in den 1760er Jahren, in der Porzellanmanufaktur Fürstenberg ein umfangreiches Speiseservice, auf dessen einzelnen Geschirrteilen Städte, Dörfer und Landschaften des Herzogtums Braunschweig detailgenau dargestellt sind. Pascha Johann Friedrich Weitsch malte diese Ansichten, als hätte ein Riese sie aus dem Boden gerissen: während die Seiten meist von Bäumen begrenzt werden, sieht man am unteren Rand der Landschaft Felsbrocken, Erdreich und in der Luft hängendes Wurzelwerk. Während sich ein Bestand dieses Porzellans heute in Braunschweig befindet, ist ein zweiter umfangreicher Teil des Services im Besitz der Königin von England.

Teller aus einem sechzehn-teiligem Tafelservice mit Darstellungen von Braunschweig und Umgebung, Fürstenberg, 1766-1768, Porzellan, Fürstenberg; polychrom bemalt

Ein Service gegen das Heimweh

Wie dieses Porzellan nach England gelangte, erzählt eine Episode der braunschweigisch-britischen Beziehungen. Tatsächlich waren diese gerade im 18. und frühen 19. Jahrhundert besonders eng, da auf dem britischen Thron seit 1714 die welfischen Vettern aus Hannover saßen. So hatte bereits 1764 der Braunschweiger Erbprinz Carl Wilhelm Ferdinand eine Tochter des Prinzen von Wales geheiratet. In Braunschweig erinnert noch heute Schloss Richmond an diese britische Prinzessin, die es inmitten eines englischen Landschaftgartens für sich errichten ließ. Ihre Tochter Caroline Amalie sollte 31 Jahre später ihrerseits einen Prinzen von Wales heiraten und erhielt zu diesem Anlass einen Teil des Geschirrs als besonderes Andenken an das heimatliche Herzogtum. Ihre Ehe mit dem späteren König Georg IV. war alles andere als glücklich und so wird sie gelegentlich wehmütig auf die Landschaften ihrer Kindheit geblickt haben, ehe sie 1821 im Alter von nur 52 Jahren in London verstarb.

Francesco Bartolozzi, Their Royal Highnesses THE PRINCE & PRINCESS [Doppelbildnis Prince and Princess of Wales], 1795 -1797, Radierung

Herbst und Winter auf der Flucht

Der Gegensatz könnte kaum größer sein: einem gut gelaunten, mit einer Weinranke nur knapp bekleideten Jüngling steht ein zusammengekrümmter alter Mann gegenüber. Er ist ebenfalls nur notdürftig bekleidet, jedoch friert er sichtlich in einem eiskalten Windstoß. In dieser dramatischen Gegenüberstellung zeigt Balthasar Permoser in seinen Elfenbeinskulpturen von 1695 die Jahreszeiten Herbst und Winter.
So schutzlos die Figur des Winters den Unbilden der Jahreszeit ausgeliefert ist, so verzweifelt war im Oktober 1806 die Situation des Braunschweiger Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand (Vater der oben erwähnten Caroline Amalie). Kurz zuvor war er in der Schlacht bei Auerstedt tödlich verwundet worden und nun marschierten die Truppen Napoleons auf Braunschweig. 71-jährig und blind musste der Herzog aus seiner Residenz fliehen. Dort hatte man zuvor bereits in aller Eile Kunstwerke und andere Wertgegenstände zusammen gepackt, darunter auch die beiden Elfenbeinskulpturen Permosers. Deren Gegenstücke, Frühling und Sommer, waren aus unbekannten Gründen zurückgelassen worden, so dass nur Herbst und Winter im Gefolge der Herzogsfamilie Braunschweig verließen.

Balthasar Permoser, Personifikation von Herbst und Winter, 1695, Foto: Herzog Anton Ulrich-Museum

Exil und Heimkehr

Carl Wilhelm Ferdinand verstarb noch im November und bei der Erbteilung fielen die beiden Skulpturen an seinen jüngsten Sohn Friedrich Wilhelm. Als „schwarzer Herzog“ ist er in einem der Reiterdenkmäler vor den Braunschweiger Schloss verewigt. 1809 hatte sich Friedrich Wilhelm nach abenteuerlichen Jahren auf den Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege zeitweise in London niedergelassen. Als Bruder von Caroline Amalie, der Prinzessin von Wales, erhielt er leichten Zugang zur Londoner Gesellschaft. Dort könnte er mit Edward Viscount Lascelles in Kontakt gekommen sein, denn im Besitz von dessen Nachkommen wurden die beiden Braunschweiger Elfenbeinfiguren 1931 wiederentdeckt. Es sollte aber noch weitere 85 Jahre dauern, ehe Herbst und Winter zurück erworben werden konnten. Nach 210 Jahren endete damit auch das Exil dieser beiden Braunschweiger Herren. Seit 2016 können sie nun wieder zusammen mit ihren weiblichen Gegenstücken Frühling und Sommer im Herzog Anton Ulrich-Museum bewundert werden.

Henry Hoppner Meyer, Friedrich Wilhelm, Herzog von Braunschweig; Duke of Brunswick, Prince of Wales, 1816, Schabkunst
Balthasar Permoser, Personifikation von Frühling und Sommer, 1695, Foto: Herzog Anton Ulrich-Museum
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