Sie haben für Ihren Schatz ein außergewöhnliches Erlebnis gebucht, ankern vor der Küste Kaliforniens und wollen Wale beobachten, aber die Meeressäuger lassen einfach auf sich warten? Dann überbrücken Sie die Zeit doch einfach mit Ihrem Wissen zu diesem Thema:
„Hätte es uns nicht in diese warme Gegend verschlagen, sondern dahin, wo es so richtig kalt ist, dann hätten wir jetzt nach Narwalen Ausschau halten können…“
„Nach was?“

Und dann geht’s mit Ihrer Geschichte los:
„Der Narwal! Ein Wal, der in arktischen oder subarktischen Gewässern nahe dem Packeis lebt. Sein Merkmal ist ein bis zu drei Meter langer Stoßzahn, der sich durch die Oberlippe hinausbohrt und die Stirn des Tieres ziert. Ob das Horn zum Durchbrechen des Eises, zum Aufwühlen des Meeresgrundes oder zum Jagen gebraucht wird, ist noch nicht eindeutig geklärt. Schon seit dem Mittelalter und noch bis in das 18. Jahrhundert hinein versuchte man jedoch von diesem Mysterium zu profitieren und verkaufte den Zahn des Narwals als Horn des sagenumwobenen Einhorns. Eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich ja auch kaum leugnen, findest du nicht auch?“

Der interessiert-überraschte Blick Ihres Gegenübers verrät, dass hier der Wissensdurst noch nicht gestillt ist. Nun können Sie einen Bogen zur bildenden Kunst schlagen und beginnen:

„Das Einhorn wiederum ist nicht nur aufgrund seiner Seltenheit beliebt. Seit dem frühen Christentum fand man es auch in sogenannten Bestiarien. Das sind moralisierende Tierdichtungen, die das Aussehen und die Eigenschaften ausgewählter Wesen nennen und sich auf die christliche Lehre beziehen. Vorläufer dafür war die griechische Handschrift „Physiologus“ aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. – neben der Bibel das am weitesten verbreitete Buch des Mittelalters. Die Erzählungen hierin bilden die Grundlage für die Symbolsprache von Tieren in der Kunst!
Zum Einhorn heißt es, dass es unzähmbar und wild sei. Lediglich im Schoße der Gottesmutter Maria kommt es zur Ruhe und kann gefangen werden… und ja: An dieser Stelle ist das Horn im Schoß so zweideutig gemeint, wie es klingt. Jedenfalls führte diese Deutung dazu, dass das Einhorn Symbol der Menschwerdung Christi durch die jungfräuliche Empfängnis wurde. Das Narwalhorn, das als Horn des Einhorns verkauft wurde, war damit äußerst wert- und bedeutungsvoll. Deswegen fertigte man daraus zahlreiche weltliche und kirchliche Hoheitszeichen an.
Ein Beispiel für ein solches Zeichen von Macht und Würde befindet sich im Herzog Anton Ulrich-Museum. Das Reliquiar, das der katholischen Nikolaikirche in Braunschweig gehörte, wirkt wie ein schlanker Pokal mit Deckel. Hierauf findet man eine Christusfigur mit Siegesfahne. Das passt natürlich prima, wenn man die Symbolik des Horns berücksichtigt: Die Erscheinung Christi auf Erden und der Beginn seiner Erlösertat.“

Nun dürften Sie nicht nur die Zeit überbrückt und beeindruckt haben. Ihre Begleitung wird von der actiongeladenen und geheimnisvollen Geschichte mit erotischen Anklängen so überwältigt sein, dass er oder sie noch am selben Abend die nächste Urlaubsplanung in die Hand nehmen wird. Diesmal geht es wohl nach Braunschweig…

 

Abbildung: Narwalzahnreliquiar von Hans Jakob Mair, Augsburg, 1700-1712. Foto: HAUM

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