Unser Kunst-Wissen ist nicht alltagstauglich? Von wegen. Warten Sie ab, bis Sie das nächste Mal durch ein Möbelhaus schlendern. Zum Beispiel das allseits bekannte blau-gelbe Einrichtungshaus aus dem hohen Norden. Sie hängen bei der Präsentation von Couch- und Beistelltischen mit so klangvollen Namen wie „Klingsbo“, „Lindved“ oder „Hatten“ gerade kopfüber in einem Wühlkorb mit „Plastis“-Spülbürsten, als eine Dame in Ihrem Rücken seufzend zu ihrem Begleiter sagt:

„Ach, sehnst Du Dich nicht auch manchmal zurück nach den Zeiten, in denen Gueridons (ausgesprochen: Gehridon, mit Betonung auf der letzten Silbe) noch als exquisite Wohn-Accessoires in Handarbeit aus kostbaren Ausgangsmaterialien gefertigt wurden?“

Als Kenner der Kunstwerke des Herzog Anton Ulrich-Museums wissen Sie natürlich sofort, was mit Gueridons gemeint ist. Nämlich kleine Beistelltische mit runden Tischplatten (wie z.B. die zwei Elfenbein-Gueridons, über deren Restaurierung wir hier schon mal berichtet haben). Entstanden sind sie, wie die französische Bezeichnung schon vermuten lässt (ursprünglich schreibt es sich Guéridon), ungefähr um die Mitte des 17. Jahrhunderts herum in Frankreich. Die Tischbeine sind häufig aufwändig verziert oder als menschliche oder mythologische Skulpturen gestaltet. Eingesetzt wurden sie zum Beispiel als Abstellfläche für Kerzenleuchter, aber auch bei Tisch für Speisen oder Getränke. Davon leitet sich bis heute in der Gastronomie der Begriff „Gueridon-Service“ ab. Bedeutet: Ein Kellner oder Koch kommt mit einem Tischchen an Ihren Platz und übernimmt dort die letzten Arbeiten an Ihren Speisen, z.B. filetieren, tranchieren oder anrichten, oder nutzt die Fläche zum Servieren der Getränke.

Beistelltische, die es mit Gueridons aus dem 17. Jahrhundert aufnehmen können, sollten Sie bei IKEA genauso wenig erwarten wie einen Gueridon-Service im IKEA-Restaurant. Ihre Köttbullar müssen Sie schon selbst filetieren. Wenn Sie hier allerdings die Dame wiedertreffen, die die Gueridon-Bemerkung gemacht hat, bietet sich nun die perfekte Gelegenheit, mit Ihrem Kunstwissen zu beeindrucken. Und zwar so: Sie suchen sich einen Platz in Hör- und Sichtweite der Dame. Dann nehmen Sie das Besteck in die Hand, machen zunächst eine vage Geste in Richtung Teller, Papierserviette und Stapel-Glas aus der IKEA-Kollektion, spießen den ersten Köttbullar auf und sagen (laut hörbar) mit einem bedauernden Unterton in Richtung Ihrer Begleitung:

„Dass die Gueridons der Postmoderne nicht mehr das sind, was man am Hof des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. erwarten würde, kann ich ja noch verstehen. Aber die Säkularisierung der Tafelkultur ist einen Schritt zu weit gegangen, findest Du nicht auch? Lass uns unbedingt ins Herzog Anton Ulrich-Museum gehen, wenn es im September 2016 wieder eröffnet hat. Die haben dort prachtvolle Sammlungen zur Tafelkultur der Braunschweiger Welfenherzöge und widmen dem Thema in der neuen Dauerausstellung einen ganzen Raum! Dort finden wir bestimmt die angemessene Inspiration für unsere eigene Tafel.“

 

Bildnachweis: IKEA, Beistelltisch „Hatten“

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