Der Sommer ist (schon) wieder vorbei und Sie sehnen sich nach Urlaub. Im Idealfall haben Sie noch ein paar Urlaubstage übrig. Die Reise ist prompt gebucht und Sie sitzen voller Vorfreude im Flugzeug. Da Sie lange sitzen, haben sie sich für eine gemütliche Jogginghose entschieden, Ihr Nachbar sitzt jedoch im Anzug neben Ihnen, blättert in einem Kunstmagazin und beäugt Sie skeptisch. Sie wollen ihm keine Chance geben, sich ein falsches Bild zu machen, daher fragen Sie ihn: „Wissen Sie eigentlich, welchen Wortursprung Kerosin hat?“

Er sieht Sie verblüfft an und meint: „Nein?“

Das ist Ihre Chance, mit Ihrem Wissen zu beeindrucken. Sie antworten: „Das Kerosin, das dieses Flugzeug antreibt, ist zwar ein Mineralölprodukt, der Wortursprung liegt aber genau wie bei der in der bildenden Kunst beliebten Keroplastik im altgriechischen κέρος / keros, was auf Deutsch Wachs bedeutet.“

Ihr Gegenüber ist verwirrt und fragt, warum Kerosin sich von Wachs ableitet, wenn es doch kein Wachs ist?

Genau die Frage, die Sie erwartet hatten! Sie antworten nonchalant:
„Spannende Geschichte. Im 19. Jahrhundert gewann ein kanadischer Arzt und Geologe aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit, die er abgeleitet vom griechischen κέρος / keros „Kerosene“ nannte, weil ein wichtiges Zwischenprodukt auf dem Weg zu dieser Flüssigkeit eine wachsartige Konsistenz hatte. Die Flüssigkeit, die der Kanadier entdeckte, ist jedoch nicht das, was wir Deutschen heute Kerosin nennen, sondern Petroleum (=Stein-Öl, aus (Stein-)Kohle gewonnenes Öl). Tatsächlich bezeichnet „Kerosin“ fast nur in der deutschen Sprache den Flugzeugtreibstoff. Im Englischen bezeichnet „Kerosene“ bis heute Petroleum, meint man den Flugzeugtreibstoff, spricht man von „Jet-Fuel“.“

Der leicht glasige Blick Ihres Sitznachbarn verleitet Sie dazu, das Gespräch wieder in vertrautere Gewässer zu lenken, sprich: zur Kunst. Sie fahren lächelnd fort:
„Ist schon ein bißchen verwirrend, oder? Da lobe ich mir doch die bildende Kunst, in der eine Keroplastik das darstellt, was es ist: Wachsbildnerei. Übrigens finden Sie ganz hervorragende Werke der Keroplastik in der neuen Dauerausstellung des Herzog Anton Ulrich-Museums. Waren Sie schon da seit der Neueröffnung? Ich persönlich finde das Werk Der Winter besonders beeindruckend, welches als teils freiplastisches Relief aus gefärbtem und bemaltem Wachs mit Pelz, Schafswolle und Holzkohle gefertigt wurde. Wie der dargestellte alte Mann sich an einem Kohlenfeuer wärmt ist so authentisch, ich bin jetzt noch ganz hin und weg!“

Ihr Nachbar ist inzwischen auch hin und weg, die Jogginghose ist vergessen und er bietet Ihnen sein zweites Kunstmagazin an. Der Flug ist gerettet!

P.S.: Und falls Sie nun neugierig geworden sind, was genau es mit Keroplastik auf sich hat, schauen Sie in den nächsten Tagen in unserem Museums-Wiki vorbei.

Abbildung: Der Winter, Deutsch, um 1700, Foto: Fotowerkstatt / Herzog Anton Ulrich-Museum

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