Letzte Woche bekam ein Gemälde unserer Sammlung besonderen Besuch aus seinem Heimatland, den Niederlanden: Die Restauratorin des Mauritshuis in Den Haag, Sabrina Meloni, kam eigens nach Braunschweig, um sich Jan Steens Gemälde Hochzeit des Tobias einmal ganz genau anzusehen. Anlass ihres Besuches ist eine Ausstellung in Den Haag, die sich den Historiengemälden Steens widmen wird. Unseres zeigt bühnenhaft inszeniert eine dramatische Geschichte aus der Bibel: Sara ist verflucht, ein Dämon tötet jeden ihrer Ehemänner in der Hochzeitsnacht.  Tobias aber glaubt, diesen Bann durch Gottes Schutz brechen zu können, da sie nur für ihn bestimmt sei. Der Erzengel Raphael steht als sein Schutzengel hinter ihm. Er wird den Dämon besiegen.

Für die Ausstellung wird auch unser Gemälde einige Zeit auf Reisen gehen. Bevor wir es aber um diese Jahreszeit vor die Tür lassen – keine Angst, das Bild wird in einer eigens gebauten Klimaschutzkiste transportiert – muss es allerdings erst noch einmal zu einem Rundum-Check in die Werkstatt unserer Restauratorinnen Hildegard Kaul und Verena Herwig. Und da die Hochzeit des Tobias nun wegen der Reisevorbereitungen ausgerahmt in unserer Werkstatt liegt, konnte Sabrina Meloni mit dem Mikroskop ganz nah an die Malerei heran, was an der Wand in der Galerie nicht möglich gewesen wäre.

Sabrina Meloni beim Blick durch das Mikroskop (Foto: Claus Cordes, HAUM)

Warum muss das Gemälde untersucht werden?

 Nur 10 % der etwa 400 erhaltenen Werke von Jan Steen tragen eine Datierung, die anderen 90 % der Gemälde müssen auf eine andere Art und Weise in eine zeitliche Reihenfolge gebracht werden. Die klassische Methode ist hier seit alters her der kunsthistorische Vergleich. Man versucht dabei anhand der Entwicklung des persönlichen Malstils des Künstlers eine zeitliche Abfolge der Gemälde zu erstellen. Doch die Kunsthistoriker verlassen sich nicht mehr nur auf ihr eigenes Auge, sondern arbeiten heutzutage sehr eng mit Restauratoren zusammen. Denn durch ausgefeilte kunsttechnologische Untersuchungen ist es möglich, die Gemälde in ihre einzelnen Bestandteile aufzuschlüsseln und ungeahnte Informationen aus diesen zu ziehen, die etwa bei der genaueren Datierung des Gemäldes helfen können.

Wer ist sie? Und was genau hat sie gemacht?

 Sabrina Meloni ist eine Spezialistin für unseren Künstler, da das Mauritshuis 15 (!) Werke  von ihm besitzt. Sie interessiert  vor allem die Zusammensetzung der Grundierung des Gemäldes, aber auch die Verwendung einzelner Farbpigmente, wie beispielsweise  das Blaupigment Ultramarin. Dafür geht sie dem Gemälde mit dem Mikroskop im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund: an manchen Stellen scheint die Grundierung durch die Malschicht, an anderen erlauben winzige Altersrisse in der Malerei einen Blick in den Aufbau des Bildes. Mikroskop-Aufnahmen  unseres Braunschweiger Gemäldes wird sie in Den Haag mit denen anderer Werken Steens vergleichen. Auch hat sie an vier ausgewählten Stellen mikroskopisch kleine Proben entnommen, um diese später analysieren zu können. Mithilfe dieser Pigmentanalysen kann man u.a. feststellen, in welchem Zeitraum ein Gemälde entstanden ist, weil bestimmte Pigmente nur in bestimmten Zeiten verwendet wurden. Auch der Entstehungsort kann durch solche Analysen besser eingegrenzt werden. Dies dürfte bei Jan Steen höchst interessant werden, da er an vielen unterschiedlichen Orten gearbeitet hat!

Sabrina Meloni (Mitte links) zeigt unserer Leiterin der Abteilung Gemälde Dr. Silke Gatenbröcker (links) und unseren Gemälde-Restauratorinnen Hildegard Kaul (Mitte rechts) und Verena Herwig (rechts), an welchen Stellen sie Proben entnehmen möchte. (Claus Cordes, HAUM)

Was erhoffen wir uns von der Untersuchung?

Unsere Hochzeit des Tobias ist zwar signiert, aber nicht datiert, wie eben viele der Gemälde von Steen. Der Maler hat das Hochzeits-Motiv öfter ins Bild gesetzt. So befindet sich eine ähnliche Fassung in Privatbesitz und aber auch im Fine Arts Museums in San Francisco. Aus stilistischen Gründen wurde unser Gemälde in die Spätzeit Steens datiert, etwa um 1667. Die Frage ist nun: Welche Version entstand zuerst? Können die Pigmente darüber Aufschluss geben? Und kann die Datierung in die Spätzeit beibehalten werden? Wir sind schon sehr gespannt, was die RestauratorInnen herausfinden werden!

Warum arbeiten die verschiedenen Museen hier zusammen?

Die Gemälde Jan Steens sind heute über die ganze Welt verstreut. Daher ist der wissenschaftliche Austausch umso unerlässlicher. Denn um die Arbeit eines Künstlers wirklich verstehen zu können, müssen möglichst viele seiner Werke miteinander verglichen und untersucht werden. So reisen RestauratorInnen (und KunsthistorikerInnen) um die Welt, begutachten Kunstobjekte, tauschen ihr Wissen aus, analysieren und durchleuchten die Werke, um ihren Geheimnissen ein Stück näher zu kommen. So haben unsere Restauratorinnen auch ihr eigenes Untersuchungsmaterial des Gemäldes Frau Meloni zur Verfügung gestellt, z.B. Infrarot-Aufnahmen. Diese bieten Einblick in den Arbeitsprozess des Künstlers. Bei dem Untersuchungsverfahren wird das Gemälde einer Infrarotstrahlung (keine Sorge, das ist für das Bild nicht schädlich!) ausgesetzt. Unter bestimmten maltechnischen Voraussetzungen können somit verdeckte untere Farbschichten sichtbar gemacht werden. Bei uns stellte sich heraus: Der Erzengel hinter Tobias hatte ursprünglich einmal Flügel.
Mit Kooperationen dieser Art leisten wir, das Herzog Anton Ulrich-Museum, einen Beitrag in dieser internationalen Forschungsgemeinschaft!

 

Titelbild: Jan Steen, Die Hochzeit des Tobias, um 1667, Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv. Nr. GG 313, Foto: Claus Cordes, HAUM

 

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